Confindustria Ceramica und Ascer verhandeln in Brüssel.
Confindustria Ceramica und Ascer wurden wegen der Energiekrise in Brüssel vorstellig. (Quelle: Confindustria Ceramica)

Verbände 2022-02-01T15:16:02.879Z Suche nach Antworten auf Energie- und Klimakrise

Die Verbandspräsidenten Giovanni Savorani, Confindustria Ceramica, und Vicente Nomdedeu, Ascer, trafen sich in Brüssel mit der Wettbewerbskommission, um über aktuelle Risiken und kommende Lösungen zum Thema Energie und Emissionen zu sprechen.

Während des Treffens vom 25. Januar, das am Sitz des Europäischen Parlaments stattfand, beschrieben der Präsident des italienischen Verbands der Fliesenhersteller Giovanni Savorani und der Chef des spanischen Verbands Vicente Nomdedeu die entstehenden Risiken für die europäische Fliesenindustrie. Die Ausführungen wurden ergänzt durch eine Reihe von Vorschlägen und Initiativen, die zu einer Lösung der bestehenden Probleme beitragen sollen, so der Verband Confindustria Ceramica in einer Pressemitteilung.

Wie von Fliesen und Platten in den vergangenen Monaten berichtet , verzeichnen die Unternehmen der Fliesenindustrie Preiserhöhungen in allen Bereichen, die nach den Worten von Giovanni Savorani zu Kostensteigerungen in der Produktion von rund 25 Prozent geführt haben. Zu den Kostentreibern zählen insbesondere die Preise für Methangas, die sich, wie die Confindustria Ceramica bereits im Dezember 2021 feststellte, im Laufe des vergangenen Jahres vervierfacht hatten. In den Gesprächen mit den Wettbewerbshütern unterstrichen die beiden Verbandsspitzen erneut ihre Beunruhigung über die Effekte des europäischen Emissions Trading Systems – kurz ETS – über das die energieintensiven Branchen in Europa Emissionsrechte einerseits zugeteilt bekommen und andererseits selbst käuflich erwerben müssen. Der Zwischenhandel mit diesen Zertifikaten habe ihren Preis zwischen Januar 2021 bis heute von 33 Euro auf aktuell 85 Euro pro Tonne hochgetrieben. Im selben Zeitraum seien die Preise für elektrische Energie um 572 Prozent hochgeschnellt. Während des Treffens wurde deshalb auch ein Brief der Regionen Emilia-Romagna und Valencia überreicht, im dem die Europäische Kommission aufgefordert wird, die Keramikindustrien auf die Liste derjenigen Branchen aufzunehmen, denen die „indirekten Kosten“ des Emissionshandels erstattet werden.

Europäische Industrien benachteiligt

„Die Finanzspekulation um die Preise der Emissionsrechte (...) stellt einen Schaden für die Realökonomie dar, weil sie Geldressourcen aus den Industrien und ihren Mitarbeitern abziehen, und schädigt die Umwelt, weil sie die europäische Fliesenproduktion aus dem Markt drängt und außereuropäische Keramikhersteller bevorteilt, deren Nachhaltigkeitsstandards niedriger sind. Diese Situation hilft dort nicht der Umwelt und schafft hier soziale Probleme“, so Giovanni Savorani.

Auch der Ausschluss der europäischen Fliesenhersteller aus der sogenannten „Carbon Leakage“-Liste trifft bei den Verbandsoberen auf Unverständnis. Unter „Carbon Leakage“ versteht die EU eine Situation, in der europäischen Unternehmen durch die hiesige Klimapolitik in einem solchen Maße höhere Kosten entstehen, dass Produktionsanlagen an außereuropäische Standorte verlegt werden, wo niedrigere Umweltstandards vorherrschen und höhere Emissionen das Klima umso mehr schädigen. Europäische Unternehmen, bei denen diese „Gefahr“ besteht, bekommen mehr Emissionsrechte zugeteilt, sodass sie davon weniger kaufen müssen. Der Ausschluss der Fliesenindustrie von diesen Ausgleichsmaßnahmen kritisiert die Confindustria Ceramica seit Längerem.

Eines der wichtigsten Themen sei auch die Frage gewesen, wie ein europäischer Mitgliedsstaat Industriebranchen finanziell unterstützen kann, die weder mittel- noch langfristig in der Lage sind, sich zu dekarbonisieren – also auf fossile Energieträger zu verzichten. Diesbezüglich schlugen die Verbände vor, innerhalb der Regelwerke der staatlichen Hilfen die Möglichkeit zu schaffen, während der Übergangsphase grüne Technologien zu subventionieren, und zwar „ab dem Zeitpunkt, wenn diese technisch möglich werden bis zum Erreichen der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit“. Bereits im Oktober 2021 hatte die Confindustria Ceramica von der Boston Consulting Group eine Studie zu dem Thema ausarbeiten lassen, wie energieintensive Branchen sich bis 2030 beziehungsweise 2050 in ihrem Emissionsverhalten den anstehenden Klimazielen der EU-Reduktion der Treibhausgase um mindestens 55 Prozent bis 2030 und die Erreichung der Klimaneutralität bis 2050 – anpassen können.

Während des Treffens mit der zuständigen Direktorin für den Bereich „Energie und Umwelt“, Anna Colucci, hätten Giovanni Savorani und Vicente Nomdedeu die „Bedrohungen“ beschrieben, denen sich die europäischen Fliesenindustrien aufgrund der gegenwärtigen Steigerungen bei den Energiekosten gegenübersehen. Der Bereich „Energie und Umwelt“ ist der „Generaldirektion für Wettbewerb“ zugeordnet und untersteht der bekannten Kommissarin und Vizepräsidenten der Kommission Margrethe Vestager.

Die Delegation wurde unter anderen begleitet von Europarlamentariern und dem Verantwortlichen für Wirtschaft der Regierung von Valencia, Vicente Soler, in deren Umgebung die spanische Keramikindustrie konzentriert ist.

Die beiden Standorte für die Produktion von Keramikfliesen Sassuolo und Castellón erwirtschaften mit 35.000 Mitarbeitern einen Umsatz von annähernd neun Milliarden Euro.

zuletzt editiert am 02. Februar 2022
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