Leitungen in einer Fabrikhalle
Hohe Gaspreise seit März 2022: So mancher Ofen ist aus. (Quelle: Uwe Leppert)

Industrie

14. April 2022 | Teilen auf:

Fliesenproduktion Italien: Hohe Kosten, neue Lieferketten

Die durch den Krieg ausgelösten Turbulenzen dauern an. In Italien schalten 30 Unternehmen zeitweise ihre Öfen ab. Für bis zu 4.000 Beschäftigte wurde eine potentielle Kurzarbeit-Regelung vereinbart

Der russische Angriff auf die Ukraine, der vor gut sechs Wochen begann, hat auch schwere Auswirkungen auf die Fliesenproduktion in Europa. Wie wir bereits hier vor knapp einem Monat berichteten, führte der Krieg zu weiteren, massiven Preiserhöhungen wie zum Beispiel bei Gas, das bereits im Laufe des Jahres 2021 stetig teurer geworden war.

In einer Pressemitteilung vom 11. April 2022 skizziert der Verband der Italienischen Fliesenhersteller Confindustria Ceramica die weiteren Auswirkungen auf die Fliesenproduktion und erläutert die Maßnahmen, die die Unternehmen seit Mitte März getroffen haben, um mit der Produktion weiter fortfahren zu können.

Tatsächlich meldete der Verband bereits Ende März, dass 30 Unternehmen als Reaktion auf die Preisspitzen bei Gas in der zweiten Märzhälfte ihre Produktionen vorerst getoppt hätten und die Fliesenauslieferung bei einer weiterhin sehr guten Auftragslage aus dem Lager bedienen würden. Zumeist sei die Produktion allerdings nur wenige Tage ausgesetzt worden. Der Verband gibt an, dass es mehr als 220 Fliesen-Unternehmen in Italien gibt. Die Maßnahmen hätten sich auch auf die Beschäftigung ausgewirkt: So seien für rund 4.000 Personen Regelungen für Kurzarbeit vereinbart worden, die „in vielen Fällen“ bis zum Ende dieses Jahres Gültigkeit hätten. Auch diesbezüglich würde man von tageweisen Stopps ausgehen, wobei die Tragweite der Maßnahme, die circa ein Fünftel der Mitarbeiter betreffen könnte, deutlich macht, wie ernst man die Probleme nimmt. Italiens Fliesenindustrie hat knapp 20.000 Beschäftigte.

Massive Steigerungen bei Gaspreisen

Der Verband gibt an, dass die Gaspreise Mitte März auf einen „Rekordwert“ von 3,50 Euro pro Kubikmeter gestiegen seien, ohne allerdings den prozentualen Zuwachs zu benennen. Legt man den TTF-Wert zugrunde, der in Europa als Großhandelspreis für Gas fungiert, beliefen sich die Kosten pro Megawattstunde Ende März nach Aussage der britischen Financial Times auf 118,00 Euro und waren damit fast sieben Mal höher als noch vor einem Jahr. Mitte März lag der Preis allerdings zwischen 150 und 200 Euro und erreichte in den Spitzen Werte von über 300 Euro; die Situation (Stand 12. April: 103 Euro) scheint sich also auf einem sehr hohen Niveau zu stabilisieren, ohne sich allerdings zu entspannen.

Die Beschaffung und Verarbeitung von Rohstoffen wie zum Beispiel Ton – im Bild ein Sprühturm für die Aufbereitung der Pressmasse – ist in vollem Umbruch. (Quelle: Uwe Leppert)

Lieferstrukturen auf Jahre beschädigt

Mit dem Beginn der Kampfhandlungen fiel die Ukraine auch als Lieferant für die Weltmärkte aus. Für Italiens Fliesenhersteller bedeutet dies, dass von dort keine der hochwertigen Tone mehr bezogen werden können. Nach Aussage der Confindustria Ceramica kamen 25 Prozent der von den italienischen Produzenten verarbeiteten Tone und Rohstoffe aus der Ukraine. Mit den letzten Schiffslieferungen, die noch vor dem Krieg in Ravenna eingetroffen sind, könne die Branche in den „nächsten Wochen“ die Produktion sicherstellen. Die verbleibende Zeit werde man zu einer Umstellung der Beschaffungsstrukturen nutzen. „Aufgrund der durch den Krieg ausgelösten geopolitischen Verwerfungen und den ernsten Schäden an den Infrastrukturen der Häfen“ – insbesondere in Mariupol –  „sei den Unternehmen sofort klar gewesen, dass man diese Rohstoffe auf Jahre hinaus nicht mehr von dort beziehen könne“, so der Verband in seiner Mitteilung.

Beschaffungsumstellungen sind angelaufen

Die Unternehmen hätten bereits damit begonnen, ihre Lieferketten für Rohstoffe zu diversifizieren, indem neue Bezugsquellen erschlossen und bereits zugesagte Bestellungen erhöht werden. Die Lieferanten für die benötigten Rohstoffe seien häufig global agierende Unternehmen, die auf das Interesse der italienischen Fliesenindustrie positiv reagiert hätten. Erste Liefervereinbarungen seien bereits unterschrieben worden.

Wie bereits Mitte März von F+P Fliesen und Platten dargestellt, erfordert die Verwendung von gleichen Rohstoffen wie zum Beispiel Ton aus anderen Vorkommen und Gruben, dass diese zuerst industrialisiert, also auf die anderen verwendeten Rohstoffe abgestimmt werden müssen, damit die zu fertigende Keramikfliese dasselbe Aussehen und dieselben technischen Eigenschaften aufweist. Dieser Prozess sei mittlerweile voll im Gange.

Mit der Pressemitteilung vom 11. April, die der Verband als „Memorandum“ bezeichnet, wolle man die Bestätigung und die Versicherung zum Ausdruck bringen, dass die Belieferung der heimischen und der internationalen Handels- und Marktpartner von den Unternehmen der italienischen Fliesenindustrie als „übergeordnete Verpflichtung“ wahrgenommen wird, deren Ziel es ist, die in vielen Jahren aufgebauten Geschäftsbeziehungen zu stärken, trotz der gegenwärtigen Probleme.

zuletzt editiert am 20.04.2022