Gasleitungen
Gaspreise im März 2022: Noch kein Ende in Sicht (Quelle: Uwe Leppert)

Industrie

15. March 2022 | Teilen auf:

Fliesenproduktion: „Verkehrte Welt“

Der Ukraine-Krieg entfesselt in Italien nie gesehene Turbulenzen bei Gaspreisen und der Versorgung mit Tonerde: Die Keramikfliese wird zum Spielball der Geopolitik.

Der Präsident des italienischen Herstellerverbands Confindustria Ceramica Giovanni Savorani hatte es im Dezember 2021 vorausgesagt: „Unsere Auftragsbücher sind voll und trotzdem kämpft die Branche um ihre zukünftige Wettbewerbsfähigkeit“. Savorani führt selber einen Fliesenhersteller und lag mit seinen Instinkten richtig – wobei in den vergangenen beiden Wochen alles noch schlimmer kam. Die Anstiege der Gaspreise zwangen die Hersteller bereits im Jahr 2021 zu Preiserhöhungen in der Hoffnung, die Turbulenzen so auszureiten. Seit die Panzer rollen, ist klar, die Anpassungen waren „auf Kante genäht“. So kostete Gas am 9. März zeitweise über 200 Euro pro Megawattstunde – vor einem Jahr waren es noch 17 Euro – und pendelte sich am Ende bei 154 Euro ein, also knapp 10-mal so viel wie vor einem Jahr anstatt 20-mal wie noch am Montag bei 335 Euro. Fazit: Der 9. März war ein „guter“ Tag für die Gaseinkäufer der Fliesenindustrie.

„Tut uns leid, es wird teurer“

Hierauf müssen die italienischen Hersteller natürlich reagieren: Vertrieb und Einkauf stimmen sich täglich ab und die Kunden auf den Märkten werden informiert. In den „Tut uns leid“-Rundbriefen kündigen die Hersteller für die kommenden Wochen weitere Preiserhöhungen an. Auf telefonische Nachfrage seitens Fliesen und Platten bei einigen Unternehmen belaufen sich die Anpassungen auf bis zu 15 Prozent. Alternativ belegen manche Anbieter die Produkte mit einem „Energiezuschlag“, der kurzfristig auch wieder wegfallen kann, wenn sich die Zustände auf den Märkten entspannen. Die gegenwärtige Situation setzt die Unternehmen unter einen enormen Druck, der durch die Ungewissheit der auch kurzfristig zu erwartenden Entwicklung noch verschärft wird. Ein Vertriebsverantwortlicher sagte zu Fliesen Platten, dass die gegenwärtigen Preissteigerungen in ihren Spitzen  – die nicht nur Gas und Energie betreffen – einen Durchschnittspreis von 20 Euro pro Quadratmeter im Einkauf erforderlich machten: Fachfrauen und -männer wissen, dass längst nicht jede Bestellung auf diesem Niveau zu verorten ist.

Großformate in der Produktion
Die Ukraine lieferte hochwertige weiße Tone für die Fertigung sehr großer Formate (Quelle: Uwe Leppert)

Kein Ton mehr aus der Ukraine

Mit den ausufernden Kriegshandlungen sind seit zwei Wochen auch die Tonlieferungen aus der Ukraine zum Erliegen gekommen. Die Gruben, in denen ein sehr hochwertiger, weißer Ton gewonnen wird, liegen in der Ostukraine. Das Material wird größtenteils über den Hafen der eingekreisten und umkämpften Stadt Mariupol abgewickelt. Von hier kamen zwischen 1,5 und 2 Millionen Tonnen Ton über den Hafen Ravenna nach Italien. Die dort gelagerten Vorräte reichten für ungefähr zwei Monate, so Branchenleute in Italien. Die Tone können auch woanders beschafft werden, so verschiedene Unternehmen. Ein Hersteller informierte Fliesen und Platten, dass man das Material jetzt aus Frankreich beziehe. Derselbe Hersteller wollte mit einem lokalen Partner in der Ukraine gerade eine Fertigung von Fliesen in 20 Millimetern Dicke aufnehmen – woran jetzt natürlich nicht zu denken ist. Der „neue“ Ton muss allerdings erst industrialisiert werden, das heißt mit den anderen Rohstoffen so formuliert beziehungsweise abgestimmt werden, dass die Fliese dieselbe Farbe und Oberflächenbeschaffenheit aufweist. Die Hochwertigkeit der ukrainischen Tone machten diese außerdem für die Herstellung von Großformaten in dünnen Ausführungen besonders gut geeignet. Die Verwendung anderer Tone sei machbar, stelle jedoch eine wichtige Nuance bei der Beschaffungsumstellung dar, so ein Geschäftsführer gegenüber Fliesen und Platten.

Keramikfliese: Vom Mengendruck zur Mangelwirtschaft?

Die aktuellen Märzwochen entwickeln sich für die italienische Fliesenindustrie zu einem „perfekten Sturm“. Kein Hersteller will Kunden oder Märkten aufgeben oder verlieren: „Einfach zumachen geht nicht“, so ein Geschäftsführer. Verschiedene Hersteller sind dabei, die Produktion runterzufahren – auch abhängig vom Produktsegment, Durchschnittspreis und Marginalität. Nach Aussage des Verbands Confindustria Ceramica seien vereinzelte Produktionseinstellungen – bei weitergehender Lagerauslieferung – denkbar, ein Lockdown-Szenario durch eine faktische Lähmung der Produktion sei jedoch nicht in Sicht. Manche Händler reagieren hierauf mit forcierter Bevorratung. Auch hierbei läuft derzeit manches anders: „Ich kann dir nicht alles geben, ich muss auch an die anderen Kunden denken“, so ein Area Manager zu einem Handelskunden. „Und wenn jemand zwei Paletten nimmt anstatt einer, gibt es keinen Mengenrabatt; die Fliesen kosten mehr, nicht weniger“.

zuletzt editiert am 16.03.2022