Italiens Fliesenverband wollte die Branche auf die Cersaie 2023 einstimmen. Getrübt wurde die Pressekonferenz vom 23. Mai 2023 durch das katastrophale Regenunwetter und Umsatzeinbrüche im Fliesengeschäft.
Es hätte die seit Langem erste Cersaie sein können, die die italienischen Fliesenunternehmen weitgehend unbeschwert vorbereiten konnten: Die Pandemie ist offiziell vorbei und die durch den Ukrainekrieg verursachte Energiekrise konnte einigermaßen gemanagt werden. Das vergangene Jahr schloss mit guten Zahlen und der sehr schwache Jahresbeginn war auch nicht ganz unerwartet – fiel dann aber doch überraschend heftig aus.
Und dann kam der Regen
Ein sichtlich tief bewegter Präsident der Confindustria Giovanni Savorani beschrieb die Lage der Branche und der Menschen unmittelbar nach der akuten Unwetterphase während der traditionellen Pressekonferenz am 23. Mai, die wie jedes Jahr auf die Cersaie einstimmen sollte. Die Wassermassen ergossen sich in einem breiten Streifen von der Adriaküste in westlicher Richtung bis auf Höhe Bologna und hinterließen am vorletzten Mai-Wochenende eine Spur der Verwüstung. In dieser Region, der Romagna, haben mehrere Fliesenhersteller – insgesamt knapp 10 Prozent der gesamten nationalen Produktionskapazität – ihren Sitz. Diese und andere Betriebe wurden von den Unwettern beeinträchtigt: „Entweder weil Produktionsgebäude oder Büros unter Wasser standen, oder die Mitarbeiter wegen blockierter Straßen nicht zur Arbeit erscheinen konnten“, skizzierte Savorani die Situation. Betroffen waren neben den Städten und der Landwirtschaft der Po-Ebene vor allem die Ortschaften auf dem Appenin und seinen Ausläufern. Savorani, der selbst in Faenza den Keramikhersteller Gigacer führt, berichtete, das hier von circa 58.000 Einwohnern über 12.000 wegen des Hochwassers ihre Häuser verlassen mussten. Der tagelang anhaltende Starkregen überschwemmte nicht nur die Häuser, vielmehr geriet an den Hängen das Erdreich ins Rutschen und machte Straßen unpassierbar. Wenige Tage später entlud sich in dem Städtchen Pavullo oberhalb von Sassuolo – ebenfalls Sitz mehrerer, auch bekannter Fliesenhersteller – innerhalb von wenigen Stunden ein heftiger Wolkenbruch („Wasserbombe“), der zu weiteren Überschwemmungen und Schäden führte und weitere Erdrutsche auslöste. Die Verkehrssituation in der Region Emilia-Romagna hat sich seitdem, abgesehen von den Schäden durch Schlammlawinen, wieder normalisiert.

Schwacher Start ins laufende Jahr
Nach diesem bedrückenden Überblick richtete sich die Aufmerksamkeit wieder auf die Fliese und die kommende, 40. Cersaie, die vom 25. bis 29. September in Bologna stattfinden wird. Savorani bescheinigte der italienischen Fliesenindustrie einen schwachen Jahresstart: Der Absatz habe in den ersten Monaten des Jahres um gut 20 Prozent nachgelassen. Damit habe die optimale Umsatzentwicklung ab 2021 bis Mitte 2022 nicht fortgesetzt werden können, so Savorani. Hohe Bauzinsen, Inflation und Unsicherheit bei den in den kommenden Jahren anstehenden Investitionen in Wohneigentum lassen die Nachfrage nach Keramikfliesen auch in Deutschland, wie von Savorani ausdrücklich erwähnt, tief ins Minus driften. Eine Rücksprache mit verschiedenen Herstellern lässt sogar vermuten, dass den genannten Rückgängen eine eher konservative Schätzungen zugrunde liegen könnte.
Hohe Umsatzzahlen täuschen
Anlässlich der Konferenz nannte der Verband erstmals eine Umsatzzahl für das vergangene Jahr 2022: Demnach hätten sich die Erlöse auf „mehr als acht Milliarden“ Euro belaufen: Verglichen mit Vorjahren 2019 (5,342 Milliarden), 2020 (5,13 Milliarden) und selbst dem Rekordjahr 2021 mit 6,16 Milliarden Euro sei das ein absoluter historischer Höchststand, der nicht zuletzt durch die bis Anfang 2022 bestehenden sogenannten „Energieaufschläge“ angetrieben wurde. Grund für die Aufschläge waren die extrem hohen Gaspreise, die nach Schätzungen des Verbands bei den italienischen Herstellern mit Mehrkosten in einer Höhe von ungefähr einer Milliarde Euro für das Jahr 2022 zu Buche schlagen würden. Der entsprechende Betrag sei für die Unternehmen somit ein Durchlaufposten. Die Situation bei den Gaspreisen hat sich mittlerweile, anders als bei einer großen Zahl anderer Zuliefermaterialien, deutlich entspannt.
Cersaie 2023: 40 Jahre Keramiksalon
Mit dem darauf folgenden Wortbeitrag von Emilio Mussini, Chef der Verbandskommission für Messen und Promotion, rückte der in vier Monaten stattfindende Keramiksalon in den Mittelpunkt. Die Cersaie lädt in diesem Jahr zum 40. Mal nach Bologna, und wird dieses kleine Jubiläum zum Anlass nehmen, Rückschau zu halten auf die Entwicklung der Fachmesse und seiner Produkte und Materialien. Dies wird in fünf anschaulichen Ausstellungen geschehen, die, nach Jahrzehnten gegliedert, wichtige Produkte und Persönlichkeiten darstellen werden.

Flächen und Aussteller weitgehend wie 2022
Wie im vergangenen Jahr wird der Keramiksalon 15 Hallen belegen. Die Gesamtfläche wird sich auf voraussichtlich 145.000 Quadratmeter belaufen, etwas mehr als 2022. Der Veranstalter erwartet mit 624 Ausstellern ungefähr so viele wie im Vorjahr. Hiervon werden knapp zwei Drittel Fliesenhersteller sein.
Und schließlich bleibt zu hoffen, dass sich die Besuchszahlen weiter dem Niveau vor dem Ausbruch der Pandemie annähern, als die Fachmesse mehr als 112.000 (2019) Interessierte nach Bologna lockte. Im vergangenen Jahr waren schon wieder 91.296 Fachleute – fast 50 Prozent mehr als 2021 – gezählt worden.
Und an Gesprächsstoff wird es bei dem Auf und Ab der Märkte, die so kurz vor dem Sommer wenig Spielräume für eine wesentliche Erholung eröffnen dürften, wahrlich wieder kaum mangeln.