Schon jetzt ist in Deutschland ein Fachkräftemangel auszumachen, der sich in den kommenden Jahren noch erheblich verstärken wird. In der Baubranche sind die Belegschaften überaltert und die Ausbildungszahlen stagnieren auf niedrigem Niveau. Wo die Perspektiven für die Bauwirtschaft zur erfolgreichen Gewinnung und Bindung von Fachkräften liegen, war Thema der Praktiker-Tagung von Soka-Bau in Wiesbaden. (Foto: Soka-Bau)
In seiner Begrüßungsansprache wies Soka-Bau-Vorstand Manfred Purps darauf hin, dass die heute zu diskutierende Frage bereits vor über 30 Jahren schon einmal auf der Agenda der Bauwirtschaft stand. "Damals hat der Bau unter anderem mit der umlagefinanzierten Ausbildungsförderung über Soka-Bau begonnen. Dieses Verfahren ist bis heute auch in anderen Branchen sehr angesehen", sagte Purps. Auch heute gelte es, geeignete Strategien zur Fachkräftesicherung zu entwickeln.
Der Bauwirtschaft werden Fachkräfte fehlen
"Die demografische Entwicklung wird dazu führen, dass bis 2030 branchenübergreifend mindestens 5,2 Mio. Arbeitskräfte fehlen", erklärte Heinrich Alt, Mitglied des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit. Dass in naher Zukunft auch in der Bauwirtschaft Fachkräftemangel herrschen wird, zeige ein Blick auf die Altersstruktur. So seien die Altersdekaden von 45 bis 54 Jahren und von 35 bis 44 Jahren personell am stärksten. Dagegen sei insbesondere die Altersgruppe der Auszubildenden und Gesellen bis 24 Jahre deutlich schwächer vertreten.

Alt: "Die Schulabgänger werden das Problem nicht lösen, sondern verschärfen, denn die Zahl der Absolventen allgemeinbildender Schulen ist seit einigen Jahren rückläufig": Bereits im Jahr 2020 werden demnach 100.000 Schulabgänger weniger zur Verfügung stehen als noch im Jahr 2010; im Jahr 2025 wird die Zahl der Schulabgänger bereits um 140.000 geschrumpft sein; 16 Prozent weniger als 2010. "Wir dürfen uns künftig nicht mehr erlauben, 15 Prozent eines Jahrgangs nicht auszubilden", forderte Alt.
Die demografische Entwicklung bietet Möglichkeiten
"Demografie hat drei Aspekte; wir werden weniger (sinkende Geburtenzahlen; weniger junge Menschen), wir werden bunter (Wanderungsbewegungen) und wir werden älter (steigende Lebenserwartung: mehr ältere Menschen)", brachte es Demografieexperte Dr. Winfried Kösters auf den Punkt. "Die demografischen Veränderungen haben Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft, denen wir uns nicht entziehen können, deren Potenziale wir aber nutzen können." Für die Bauwirtschaft bedeute dies: Künftig stehe nicht mehr der Neubau im Fokus, sondern der Umbau des Bestands in alten- und behindertengerechte Wohnungen. Auch Arztpraxen, Bürogebäude, ja ganze Innenstädte, müssten so umgestaltet werden, dass man sich mit einem Rollator problemlos fortbewegen kann.
Eine Arbeitgebermarke entwickeln und kommunizieren
Es genüge längst nicht mehr, nur Arbeitgeber zu sein, erklärte Marketingexperte Carsten Francke. Mit Blick auf die Fachkräftesicherung gelte es künftig, Arbeitgeber der Wahl; also eine Arbeitgebermarke für eine fest umrissene Zielgruppe; zu sein. "Es reicht aber nicht, nur Arbeitgebermarke zu sein, sondern es geht auch darum, durch Kommunikations- und Marketingaktivitäten mögliche Interessenten zu erreichen", sagte Francke. "Hier können auch Mitarbeiter als Multiplikatoren eingebunden werden." Und nicht zuletzt sei die gesamte Branche gefordert, etwas fürs Image zu tun.
Im Rahmen der Tagung stellte Dr. Guido Birkner vom F.A.Z.-Institut für Management-, Markt- und Medieninformationen erste Ergebnisse einer Studie zu Wünschen, Erfahrungen und Zielen von Berufseinsteigern in der Bauwirtschaft vor. Die gemeinsame Studie von Soka-Bau und dem F.A.Z.-Institut wird Ende Mai 2012 veröffentlicht.
In der abschließenden Diskussion waren sich die Vertreter der Tarifvertragsparteien, Frank Dupré (Zentralverband des Deutschen Baugewerbes), Klaus Wiesehügel (Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt) und Oliver Zander (Hauptverband der Deutschen Bauindustrie), einig, dass die Veranstaltung dazu beigetragen habe, die Herausforderungen der zukünftigen Fachkräftesicherung und erste Lösungsansätze zu diskutieren. Jetzt gelte es, gemeinsam Strategien zu entwickeln, die dazu beitragen, den Fachkräftebedarf in der Bauwirtschaft langfristig zu sichern.