Deutschland könnte ein Drittel mehr Wohnungen bauen – wenn da nicht die vielen und zu komplexen Normen wären, erklären das Wohnungsbau-Institut ARGE (Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen) des Landes Schleswig-Holstein und das Institut für Bauforschung (IFB) des Landes Niedersachsen: Sie starten einen „Normen-Notruf".
Die umfangreiche Normung im Wohnungsbau sei mitverantwortlich für Wohnungsnot, steigende Kaufpreise und explodierende Mieten, so die Institute auf ihrer Presskonferenz am 7. Juli 2026 Rande der 1. Deutschen Baunormen-Konferenz am 8. Juli 2026 in Berlin. Weniger Normen würden die Gesamtkosten im Neubau um rund 1.000 Euro pro Quadratmeter senken.
„Die Situation ist längst eskaliert. Der Normen-Frust in der Bauwirtschaft ist enorm. Die Fülle an Vorschriften ist aus dem Ruder gelaufen. Wer mehr Wohnungen bauen will, muss dringend bei den Normen ‚abrüsten‘ und sie wieder zu dem machen, was sie waren: Ein Werkzeug, um Kosten zu senken. Deutschland braucht eine schnelle und mit Verstand gemachte Radikalkur bei den Normen“, fordern ARGE-Institutsleiter Prof. Dietmar Walberg und IFB-Direktorin Heike Böhmer.
Deutschlands Normendschungel
In der Nachkriegszeit, in der herkömmliches Bauen unbezahlbar war, machten Normen Bauteile austauschbar und damit serienfähig – sie ersetzten die Erfinder-Improvisation. Aber aus dem Ermöglicher wurde ein Kostentreiber: Bis zu 290 Normen müssen für ein Wohngebäude allein für die Pflichtnachweise erfüllt werden. Eine Nichteinhaltung kann zu einem vermuteten Rechtsmangel führen – wer einfach und günstiger bauen will, trägt das Mangelrisiko. Entsprechend selten wird in der Praxis von den Normen abgewichen.
Ein weiterer Aspekt: Mehr Normen führen zu mehr Schäden, denn mit jeder verschärften Anforderung werden die Bauweisen komplexer und die Toleranz gegenüber Ausführungsfehlern geringer.
Schneller Kurswechsel gefordert
Der Vorwurf der Bauforscher: Deutschland habe sich „vernormt“. Die ARGE und das IFB fordern jetzt einen „schnellen und konsequenten Kurswechsel“ bei der Baunormung. Im Fokus der Bauforscher-Kritik: In Deutschland werden kontinuierlich immer neue, komplexere und schärfere Normen entwickelt, die einfache und kostengünstige Lösungen ausbremsen. Trotzdem machten Bund und Länder viele dieser Normen durch rechtliche Bestimmungen verbindlich.
Normen als Kostentreiber: Neubau 20 Prozent teurer
„Genau das macht den Neubau von Wohnungen immer teurer: Normen treiben die Baukosten enorm nach oben. Beim Neubau von Wohnungen hat es seit 2000 bundesweit eine Kostenexplosion um rund 245 Prozent gegeben. 20 Prozent des Kostenanstiegs gehen dabei auf das Konto des ständigen Nach-oben-Schraubens von Normenstandards. Konkret bedeutet das: Normen haben in den letzten 25 Jahren die Gesamtkosten beim Neubau um rund 600 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche teurer gemacht. Die Folge: Es wird weniger gebaut“, sagt Prof. Dietmar Walberg.
Der Leiter des schleswig-holsteinischen Bauforschungsinstituts spricht von einer „katastrophalen Schockstarre“ im Wohnungsbau. Dahinter stecke auch die Überregulierung durch Normen. „Insgesamt zwingt das den Wohnungsbau seit Jahren mehr und mehr in die Knie“, so Prof. Dietmar Walberg.
Ein Beispiel: Schallschutz
Welche absurden Ausmaße der Normenwahn annehmen kann, zeigen die Wissenschaftler der ARGE und des IFB am Beispiel Schallschutz. Dieser muss so aufwendig rechnerisch nachgewiesen werden, dass das ohne Bauphysik-Software nicht mehr möglich ist – für jeden Raum einzeln. Bei einem Wohnhaus in Wesel sei es etwa um den „Schallschutzbedarf“ bei Balkonen gegangen. „Eine Überschreitung von nur ein bis drei Dezibel hätte die Verglasung aller Balkone notwendig und sie damit allerdings auch unbezahlbar gemacht. Man muss sich das vor Augen führen: Eigentlich sollen Balkone die Lebensqualität der Menschen verbessern. Aber weil die Lärmbelastung ganz knapp über dem Orientierungswert lag, wurden die Balkone gar nicht erst gebaut“, schildert Prof. Dietmar Walberg.
Normen müssen wirtschaftlich sein
Die Forderung der Bauforschungsinstitute ARGE und IFB ist klar: Normen müssen wirtschaftliche Lösungen bieten. Um das zu garantieren, soll eine unabhängige Stelle jede Änderung bei der Normung künftig intensiv prüfen, bevor diese verbindlich wird. „Es geht darum, genau festzustellen: Was bedeuten neue oder komplexere Normen für den Bau und vor allem auch für die Baukosten?“, so Prof Dietmar Walberg. Die Bauforschungsinstitute fordern eine konsequente „Wende im Wohnungsbau“ – mit dem Gebäudetyp E, der einfaches, kostengünstiges Bauen wieder ermögliche. Die Qualität bleibe trotzdem gut: resilient und funktionssicher, mit robuster Substanz und wenig Instandhaltung – und damit zukunftssicher und nachhaltig.
In Schleswig-Holstein gilt seit 1.9.2024 der „Regelstand Erleichtertes Bauen SH“ als norddeutsche Variante des „Gebäudetyps E“, er findet bei 80 Prozent aller Geschosswohnungsbauten Anwendung und hat zu durchschnittlich 15 Prozent Kostenersparnis gegenüber der deutschlandweiten Entwicklung geführt. „Dringend notwendig ist ein ‚Gebäude-Typ-E-Gesetz‘“, sagt Baurechtsexperte Michael Halstenberg. Die Bundesregierung lasse sich seit über einem Jahr Zeit, das auf den Weg zu bringen.
