Baustoffe und Faszination? Ein Begriffspaar, das auf den ersten Blick nicht so recht zusammen zu passen scheint. Wer an Baustoffe denkt, für den steht sicherlich die Funktionalität im Vordergrund. Doch den Werkstoff Naturstein umgibt eine Aura, die ihn von anderen Baustoffen abhebt. (Foto: Informationsdienst Naturstein / Trier)
Ob weiß, schwarz oder bunt, gleichmäßig texturiert oder lebhaft gewolkt, Naturstein ist in allen nur denkbaren Variationen erhältlich. Hinzu kommt, dass jede Arbeit ein Unikat ist. Die Bandbreite der Möglichkeiten ist gewaltig. In "Große Enzyklopädie der Steine" von Klaus Börner und Detlev Hill sind in der 16. Auflage mittlerweile über 19.000 verschiedene Handelssorten erfasst.
Trotz dieser gestalterischen Vielfalt sollte man Naturstein nicht auf seine Optik reduzieren. Naturstein ist mehr als das. Von diesem Werkstoff geht eine besondere Faszination aus, die kaum rational zu beschreiben ist. Geradezu sprichwörtlich ist die extrem lange Lebensdauer. Umgangssprachliche Bezeichnungen wie „in Stein gemeißelt“ lassen eine Unvergänglichkeit erahnen, die über die eigene Lebenserwartung weit hinausgeht. Wer, außer Naturstein, legt ein derart umfassendes Zeugnis unserer Kulturgeschichte ab? Seien es die Pyramiden Ägyptens, die Khmertempel in Angkor Wat oder die Akropolis in Athen: Alle wären ohne Naturstein undenkbar und längst zerfallen. Es war in allen Zeiten eine besondere Ehre, in Stein „verewigt“ zu werden. Steinerne Denkmale erinnern an herausragende Persönlichkeiten auch weit über deren Tod hinaus.
Unvergleichbar beständig
Doch die wahre Besonderheit ist erst erkennbar, wenn wir das Alter der Steine losgelöst von der Menschheitsgeschichte betrachten. Hier sprengt Naturstein alle menschlichen Maßstäbe. Steine haben meist ein Alter von Jahrmillionen. Mit diesem Alter sind andere Naturwerkstoffe, wie beispielsweise Holz, nicht vergleichbar. Selbst das Alter von Mammutbaum, Gannenkiefer oder Sicheltanne wirkt gegen das Alter von Naturstein bescheiden.
Der Glimmerschiefer Alta aus Norwegen ist beispielsweise 1,2 Milliarden Jahre alt. Ein Zeitraum, der für das menschliche Vorstellungsvermögen nicht fassbar ist. Deshalb ein Vergleich. Wenn der Zeitraum von 1,2 Milliarden Jahre dem Erdumfang von 40.000 Kilometern entsprechen würde, dann würden wir während unseres gesamten Lebens gerade einmal eine Strecke von 2,7 Metern auf diesem Weg zurücklegen. Und selbst der älteste Baum der Welt auf dem Berg Fulu in Schweden mit seinen unglaublichen 9.550 Jahren, würde in diesem Vergleich gerade einmal eine Strecke von 329 Metern schaffen.
EInblick in die Erdgeschichte
Leider weiß die breite Öffentlichkeit nur sehr wenig über Naturstein. Das Allgemeinwissen ist hier viel zu gering. Deshalb kann der normale Betrachter viele Besonderheiten eines Natursteins nicht wahrnehmen. Wer auf einer einsamen Insel lebt und noch nie Schiff gesehen hat, der wird auch am Horizont kein Schiff erkennen. Ebenso verhält es sich mit den vielfältigen Facetten des Natursteins. Viele werden auf dem abgebildeten Granit nur einen „schwarzen Fleck“ erkennen und diesen vielleicht als optischen Mangel bezeichnen. Dabei handelt es sich um eine Besonderheit der Natur. Dieser schwarze Fleck ist ein Restit. Ein Überbleibsel eines benachbarten Gesteins, welches in den glutflüssigen Granitpluton geriet und dort teilweise aufschmolz.
Wer sich näher mit Naturstein beschäftigt, für den ist jede Natursteinarbeit ein offenes Buch mit einem tiefen Einblick in die Erdgeschichte. Es wäre wünschenswert, wenn neben technischen Daten und bautechnischen Hinweisen, Kunden beim Fachhandel auch eine "Naturstein-Biografie" erhielten. Dann könnten sie das eigentlich Besondere und faszinierende ihres Steins entdecken. Naturstein ist eben mehr als reine Optik.
