Wie ein Springteufel tritt die EU auf den Plan und stellt die Meisterpflicht im deutschen Handwerk in Frage. (Illustration: Marcus Frey)

2013-12-16T00:00:00Z Meisterpflicht in der Diskussion: Kritik aus Brüssel, Rückhalt aus Berlin

Lange Zeit sah es so aus, als interessiere sich die Bundes-Politik wenig bis gar nicht für die Sorgen des Handwerks um den Meisterbrief. Nun, da die Europäische Kommission die deutsche Meisterpflicht insgesamt in Frage stellt, scheint sich das Blatt zu wenden. Ein spannendes Thema, das wir auch während des FLIESEN & PLATTEN-FORUMS in Köln diskutieren werden. (Illustration: Marcus Frey)

„Trägt die jahrelange Lobbyarbeit des Handwerks zur Bedeutung der Meisterqualifikation endlich Früchte bei der Politik?“ Diese Hoffnung äußerte während der jüngsten Mitgliederversammlung der wiedergewählte Vorsitzende des Baugewerbe-Verbands Nordrhein, Rüdiger Otto, der auch Präsident der Baugewerblichen Verbände in Nordrhein-Westfalen ist.

Otto bezog sich dabei auf einen aktuellen Beschluss des Bundesrates, in dem dieser den Meisterbrief als Basis für den wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen und für die niedrige Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland lobt. Die Länderkammer wandte sich damit klar gegen Liberalisierungstendenzen der Europäischen Union, heißt es in einer Pressemitteilung der Baugewerblichen Verbände. Ähnliche Tendenzen finden sich ganz aktuell auch im Koalitionsvertrag der neuen schwarz-roten Bundesregierung.

EU stellt Meisterzwang in Frage

Die EU-Kommission hatte Deutschland vorgeschlagen, auf Reglementierungen des Zugangs zu verschiedenen Berufen zu verzichten. Dabei wurde insbesondere der Meisterzwang im deutschen Handwerk in Frage gestellt. Auf diese Weise sollten das Wirtschaftswachstum und der Wettbewerb angeregt werden.

Beides ziehe der Bundesrat entschieden in Zweifel und greife damit nach den Worten Ottos „Argumente auf, die das Handwerk seit den Diskussionen im Vorfeld der Novelle zur Handwerksordnung 2004 immer wieder vorgebracht hat. Wenn die Länder nun unabhängig von ihrer parteipolitischen Couleur unsere Positionen übernehmen, vollziehen sie eine Kehrtwende, die wir nur sehr begrüßen können“.

Fliesenleger fordern Rückkehr zur Meisterpflicht

Vor allem von Vertretern des Fliesenlegerhandwerks wurde darüber hinaus in der Mitgliederversammlung des Baugewerbe-Verbands gefordert, auch in ihrem Gewerk wieder die Meisterprüfung als Voraussetzung zur Selbstständigkeit einzuführen. Diese war im Zuge der Novelle zur Handwerksordnung 2004 gekippt worden.

Das deutsche Regelungssystem hält der Bundesrat für marktkonform sowie für eine „wesentliche Grundlage der überdurchschnittlich guten Wirtschafts- und Beschäftigungslage und der sehr geringen Arbeitslosigkeit besonders von Jugendlichen. Durch Maßnahmen im Bereich der Deregulierung sollte dieses System nicht in Frage gestellt werden“. Unternehmen in deregulierten Bereichen seien „aufgrund der niedrigeren Qualifikationsanforderungen an das Leitungspersonal vielfach nicht in der Lage, berufliche Ausbildungen durchzuführen.“

Für Rüdiger Otto sprechen die Länder damit dem Handwerk „aus dem Herzen. All dies haben wir auch schon 2004 und in den Jahren davor gesagt. Endlich scheinen unsere Argumente auf breiter Front bei der Politik angekommen zu sein. Das Bohren dieses überaus dicken Bretts scheint sich also gelohnt zu haben.“ Es komme nun darauf an, dass die Politiker durchgängig diese Erkenntnisse berücksichtigen.

Politisches Bekenntnis

Weitere Hoffnung dürften die Befürworter der Meisterpflicht aus der Koalitionsvereinbarung zwischen Union und SPD schöpfen. Darin legt das neue Regierungsbündnis schließlich ein Bekenntnis zum Meisterbrief ab. Wortwörtlich steht da zum Thema Handwerk: „Wir wollen ein starkes Handwerk. Deutschland wird die europäische Diskussion über eine verstärkte Öffnung des Dienstleistungsbinnenmarktes konstruktiv begleiten. Wir werden allerdings unverändert darauf hinwirken, dass der Meisterbrief nicht durch Maßnahmen des europäischen Binnenmarktes beeinträchtigt wird und erhalten bleibt.“ Und unter der Überschrift „ Fachkräftesicherung“ versprechen Union und SPD, dass sie […]   auch die duale Ausbildung und den Erhalt des Meisterbriefs sicherstellen [wollen]“.

Zehn Jahre ohne Meisterpflicht

Diese politischen Signale dürften den Vertretern der Handwerke der zulassungspflichtigen Anlage A Hoffnung und den Verfechtern der Meisterpflicht im Fliesengewerbe zumindest Rückenwind geben. 2014 jährt sich der Verlust der Meisterpflicht im Fliesenlegerhandwerk zum zehnten Mal. Am 14. Februar nehmen wir dies zum Anlass, um während des FLIESEN & PLATTEN-FORUMS in Köln die Zukunft des Fliesenlegerhandwerks und insbesondere des Meisterbriefes zu besprechen. Fleißig diskutiert wird das gesamte Thema Meisterpflicht und Qualifizierung auch in unserem Online-Forum. Mehr zu dieser Debatte und zu den aktuellen politischen Entwicklungen in Berlin und Brüssel lesen Sie in der Januarausgabe von FLIESEN & PLATTEN.

Die Illustration zu diesem Artikel stammt von Marcus Frey. Weitere Bilder des Illustrators zum Thema Meisterpflicht finden Sie in unserer Januar-Ausgabe: Frey hat sich unseren Artikel als Außenstehender durchgelesen und dazu seine Bilder erstellt. Diesen spannenden Blick wird er auch auf die Podiumsdiskussion zum Thema Meisterpflichtwährend der FLIESEN & PLATTEN Forums werfen und die Diskussion live in Bildern festhalten.

Diskutieren Sie mit!

Wie ein Springteufel tritt die EU auf den Plan und stellt die Meisterpflicht im deutschen Handwerk in Frage. (Illustration: Marcus Frey)

Seit zehn Jahren ist der Meisterbrief im Fliesenlegerhandwerk nur noch eine freiwillige Zusatzqualifikation. Um einen Betrieb eröffnen und führen zu können, wird er seit der Handwerksreform von 2004 nicht mehr vorausgesetzt.

Was meinen Sie: Hat die Novelle der Handwerksordnung dem Fliesen-Gewerk geschadet? Kann eine Rückkehr zur Meisterpflicht für mehr Qualität und einen besseren Ruf der Branche sorgen? Ist eine Revision der politischen Entscheidung überhaupt möglich? Welche Alternativen gibt es?

Besprochen werden diese Fragen auch beim FLIESEN & PLATTEN-FORUM 2014 in Köln. Dazu werden wir einige Anregungen und Aussagen aus unserem Online-Forum nutzen und zur Diskussion stellen.

zuletzt editiert am 25. November 2024
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