Marianne Drößiger
Marianne Drößiger informiert in zwei Online-Seminaren über den Boommarkt Barrierefreies Bauen. (Foto: msd)

2020-08-17T00:00:00Z Interview: Boommarkt Barrierefreies Bauen

Barrierefreiheit wird immer wichtiger und ist oft zentrales Thema bei Sanierungen oder im Neubaubereich. Doch wie sieht die derzeitige Marktsituation aus, welche Chancen gibt es für Handwerksbetriebe und was ist zu beachten? Am 27.8. und 3.9. gibt es ein neues F+P Online-Seminar zum Thema „Boommarkt barrierefreies Bauen“. Im Vorfeld haben wir mit der Referentin Marianne Drößiger, geprüfte Fachkraft barrierefreies Bauen und Wohnen, über die Thematik gesprochen. (Foto: msd)

F+P: Frau Drößiger, seit wann beschäftigen Sie sich mit der Thematik „Barrierefreies Bauen“ und wie kam es zur Spezialisierung?

Marianne Drößiger: Ich bin seit 2007 im Thema Barrierefreies Bauen aktiv. Anfangs zur Unterstützung meines Mannes im Fliesenbetrieb in der Endkundenberatung, dann von 2010 bis 2013 im Fliesenfachhandel und seit 2012 als freie Referentin im In- und Ausland mit dem Schwerpunkt „Marktsituation Barrierefreies Bauen in Deutschland“ . Neben Vorträgen bei Seniorenverbänden und anderen Endkundengruppen hatte ich 2017 Gelegenheit, für die Ausbildungsmeister im SHK Handwerk NRW und Bayern mit praktisch umsetzbaren Lösungen für den Badumbau das Thema zu präsentieren.

F+P: Sie sind Vorsitzende des Bundesverband Barrierefrei e. V.. Wer sind die Mitglieder des Verbands und welche Aufgaben werden übernommen?

Marianne Drößiger: Der Bundesverband Barrierefrei e. V., bei dem ich 2012 den Vorsitz übernommen habe, ist ein Zusammenschluss von geprüften Fachkräften für barrierefreies Bauen und Wohnen sowie Planern und Fachhandwerkern mit vergleichbaren Ausbildungen mit Fokus auf Barrierefreiheit. Wir sind als Berufsverband anerkannt und genießen dadurch die Möglichkeit, auf institutioneller Ebene am Markt aktiv zu sein. Das ist ein großer Vorteil, wenn es darum geht, die Schnittstelle zu den öffentlichen Beratungsstellen der Kommunen und der Pflegekassen zu schließen.

F+P: Wie kann man sich die Arbeit des Verbands praktisch vorstellen?

Marianne Drößiger: Die öffentlichen Beratungsstellen der Kommunen und der Pflegekassen dürfen keine direkten Empfehlungen für Handwerker und Planer aussprechen, jedoch den Ratsuchenden unsere Anbieter-Plattform empfehlen. Unser Ziel ist es, dass sich Endkunden, Handwerker und Planer regional über unsere Internetseite finden. In den letzten Jahren ist viel in die Hintergrundarbeit des Vereins ( www.bundesverband-barrierefrei.de ) investiert worden, der sich ausschließlich von den Mitgliedsbeiträgen finanziert, sämtliche Aufgaben des Vorstands werden ehrenamtlich erledigt.

„Seit letztem Jahr erlebe ich das gestiegene Interesse seitens der Architekten für barrierefreie Gestaltung im öffentlichen Neu- und Umbau sowie für Wohnanlagen.“

F+P: Welche Entwicklungen beobachten Sie im Segment „Barrierefreies Bauen“?

Marianne Drößiger: Seit letztem Jahr erlebe ich das gestiegene Interesse seitens der Architekten für barrierefreie Gestaltung im öffentlichen Neu- und Umbau sowie für Wohnanlagen. Dies resultiert aus der geänderten LBO in NRW, die seit 1. Januar 2019 in Kraft ist. Insbesondere in NRW richtet sich die LBO stark an den Empfehlungen der DIN 18040 aus. Für die Erteilung der Baugenehmigung sind die Architekten aufgefordert, ein „Barrierefrei Konzept“ zu erstellen. Wer das Thema nicht täglich im Fokus hat, ist überrascht, wie komplex sich die einzelnen Teilbereiche darstellen.

Barrierefreies Bad
Seit einigen Jahren werden verstärkt Bäder in Seniorenhaushalten barrierefrei umgebaut. (Foto: Zahna Fliesen GmbH)

F+P: Wie gestaltet sich die Nachfrage in diesem Bereich?

Marianne Drößiger: Der Markt „Barrierefreies Bauen“ wurde in der Vergangenheit als direkter Nachfragemarkt seitens der Senioren dargestellt. Die direkte Nachfrage gab es selten, und wenn, dann meistens für Pflegefälle, die einen Umbau kurzfristig benötigten. Handwerkskollegen, die sehr aktiv auf Seniorenmessen präsent waren, berichteten von Kundennachfragen, die nur Kleinigkeiten und minimale Änderungen beinhalteten. Der Aufwand für solche Messeauftritte lohnte sich finanziell nicht. In den Jahren 2010 bis 2012 war die direkte Nachfrage für barrierefreie Umbauten geringer als heute. Dies sind auch Erfahrungen der Mitglieder des BVBF e.V. Inzwischen hat sich die Nachfrage verändert. Die Generation Babyboomer ist mehr und mehr in den tatsächlichen Bedarf hineingewachsen und fragt immer gezielter nach den entsprechenden Umbauten. Der Schwerpunkt liegt für die meisten Handwerksbetriebe im Bestandsbau.

F+P: Planen die Kunden vorausschauend?

Marianne Drößiger: Nein, häufig kommen Anfragen erst, wenn Angehörige für die hochbetagten Eltern (ab 80 Jahre) Umbaumaßnahmen anfragen. In der Regel liegt eine Pflegestufe vor oder eine Erkrankung erfordert kurzfristig Umbauten. Am liebsten möchten die Angehörigen die Eltern, wenn diese aus dem Krankenhaus oder der Reha kommen, in ein fertig umgebautes Bad bringen.

F+P: Welchen Herausforderungen müssen sich die Planer und Handwerker stellen?

Marianne Drößiger: Die Herausforderungen sind, neben der fehlenden Vorausplanung, kurze Zeitfenster und unklare Kostenträger. Denn der organisatorische Vorlauf eines solchen Umbaus wird von den Betroffenen völlig unterschätzt. Die Genehmigungsverfahren für die Zuschüsse der Pflegekasse erfordern zwei bis drei vergleichbare Angebote von Fachbetrieben. Wer die Arbeit ausführt, entscheidet der Kostenträger, sprich die Pflegekasse, nicht der Betroffene.

„Um ein Gefühl dafür zu bekommen, inwieweit das Thema für den Handwerksbetrieb als Schwerpunktthema passt, hilft es, sich einige weitere Rahmenbedingungen des Seniorenmarkts anzusehen.“

F+P: Wie sieht der Idealfall aus?

Marianne Drößiger: Am einfachsten ist die Situation, wenn Eigentümer ihre Immobilie für das Alter vorbereiten. Leider ist dies nur ein kleiner Teil der Senioren. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, inwieweit das Thema für den Handwerksbetrieb als Schwerpunktthema passt, hilft es, sich einige weitere Rahmenbedingungen des Seniorenmarkts anzusehen. Diese Rahmenbedingungen wurden im Jahr 2016 sowie 2018 vom Pestel Institut Hannover im Rahmen der Studie „Wohnen der Altersgruppe 65 +“ für den Bundesverband Deutscher Baustoff Fachhandel e.V. erstellt. Die Studie ist im Netz zu finden.

F+P: Erläutern Sie uns bitte die Zahlen und die derzeitige Situation auf Grundlage der Studie.

Marianne Drößiger: Bei einer im Jahr 2016 festgestellten Zahl von elf Millionen Seniorenhaushalten, bei denen mindestens eine Person 65 Jahre alt war, waren deutschlandweit 52 Prozent Eigentümer von Häusern oder Eigentumswohnungen. Für diese Seniorengruppe wird seit einigen Jahren verstärkt umgebaut. Der Zentralverband Sanitär Heizung Klima (ZVSHK) hat im letzten Jahr die stolze Zahl von etwa 500.000 umgebauten Bädern vermeldet, wobei die Gesamtheit der Bäder gezählt wurde. Aber Barrierefreiheit ist nicht nur im Bad zu finden. Barrierefreiheit bezieht sich auf das gesamte Wohnumfeld. Wie beispielsweise den Eingangsbereich zum Haus sowie den Übergang zu Balkon und Terrasse. Das sind Bereiche, bei denen Fliesenleger ihren Einsatz haben.

F+P: Welche weiteren Faktoren spielen eine Rolle?

Marianne Drößiger: Die regionale Situation der Eigentümer ist ebenfalls entscheidend. Wer auf dem Land lebt, bleibt in der Regel in seinen eigenen vier Wänden. Wer im städtischen Bereich lebt, erwägt einen Umzug in eine, wenn überhaupt vorhandene, barrierefreie kleinere Wohnung. Auch werden Immobilien verkauft, um in ein betreutes Wohnen zu ziehen oder bei den eigenen Kindern zu leben.

Ein weiterer Faktor ist die Finanzierung. Bei Eigentümern, die in ihren Immobilien verbleiben, ist größtenteils die Finanzierung für den Handwerker gesichert, bevor der Handwerker zur Bauvorbesprechung geholt wird. Anders ist dies bei Mietern und diese Gruppe von Senioren ist mit 48 Prozent der Gesamtseniorengruppe ein großer Teil. Diese ist hauptsächlich im städtischen Umfeld zu finden, da erfahrungsgemäß in den Städten mehr Mieter als Eigentümer leben.

„Fachbetriebe mit der Ausrichtung Barrierefreiheit werden zunehmend auch in städtischen Bereichen nachgefragt.“

F+P: Was bedeutet das für die Handwerksbetriebe, besonders in den Städten?

Marianne Drößiger: Das bedeutet, dass die Handwerksbetriebe beispielsweise in Köln oder Berlin in den vergangenen Jahren nur eine geringe Nachfrage für barrierefreie Bäder und Wohnraumanpassungen hatten. Die älteren Menschen ziehen aus, da die Vermieter keinen Umbau finanzieren. Die Mieter selbst haben in den meisten Fällen nicht die finanziellen Mittel, den Umbau zu bezahlen und der Vermieter kann zudem auf eine finanzielle Rücklage für einen Rückbau bestehen. Dadurch werden diese Projekte meistens nicht umgesetzt. Die älteren Menschen ziehen aus und jüngere Mieter ziehen ein, denen die Wanne oder die hohe Türschwelle zum Balkon keine Probleme bereitet.

F+P: Was raten Sie den Handwerksbetrieben?

Marianne Drößiger: Es ist sinnvoll, sich mit der regionalen Nachfragesituation im Seniorenmarkt auseinanderzusetzen. Handwerksbetriebe in ländlich strukturierten Regionen wie dem Münsterland oder dem Aachener Raum berichten über eine hohe Auslastung beim Schwerpunkt Barrierefreiheit. Im städtischen Umfeld liegt die Nachfrage hauptsächlich auf Teilsanierungen und kostengünstigen Lösungen. Fachbetriebe mit der Ausrichtung Barrierefreiheit werden jedoch zunehmend auch in städtischen Bereichen nachgefragt. Jedoch nicht von Endkunden, sondern eher von Architekten, die im Neubaubereich die Planungen entsprechend gestalten müssen.

zuletzt editiert am 19. Juli 2024
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