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Der Fliesenleger: Ausführender oder Planer?

(Foto: Michael Henke)

Normenreihe Bauwerksabdichtungen, Änderungen
Rudolf voos
Foto: Michael Henke

Nach der neuen Normenreihe hat der Planer im häuslichen Bad die Freiheit, die Wassereinwirkungsklassen einzelner Bauteile nach seiner persönlichen Einschätzung festzulegen.

Michael Schmidt-Driedger: Bei der Wassereinwirkungsklasse W1-I darf man laut Norm in Verbindung mit einer AIV Calciumsulfatestriche verwenden, wenn in der Dusche ein wirksamer Spritzschutz vorhanden ist. Was passiert, wenn beispielsweise ein wirksamer Schutz eingebaut ist, der aber später gegen einen nicht wirksamen ausgetauscht wird? Wer haftet? Ist eventuell nachher der Fliesenleger in der Pflicht? Weil ein Richter sagen könnte: Zum Zeitpunkt der Abnahme gab es einen anderen Tatbestand, aber Sie sind der Fachmann und hätten wissen müssen, dass eventuell später jemand auf die Idee kommt, mit einem Duschvorhang zu hantieren, und dann der ganze Aufbau so nicht mehr statthaft ist.

Rudolf Voos: Wenn wir von Fliesenfachbetrieb sprechen, spreche ich als Fliesenfachbetrieb denjenigen an, der nach Planung ausführt. Insofern ist die Frage: Müsste er in einem solchen Fall, wenn er weiß, es könnte möglicherweise später Probleme geben, Bedenken anmelden? Das sehe ich erst mal als rechtliche Frage. In der Norm haben wir uns nicht mit rechtlichen Fragen beschäftigt, sondern mit der fachgerechten Ausführung. Das ist eine Planungsfrage, wenn ich den Fliesenfachbetrieb als Ausführenden sehe. Meiner Meinung nach liegt die Verantwortung beim Planer, den Bauherrn nach der beabsichtigten Nutzung zu fragen und dies bei seiner Planung zu berücksichtigen. Und es ist auch dessen Aufgabe, den Bauherrn zum Beispiel auf die Konsequenzen hinzuweisen, die ein Entfernen des Spritzschutzes mit sich bringt. Der Planer muss sich über die Nutzung und deren Intensität Gedanken machen. Ich würde die Hinweispflicht des Fliesenfachunternehmers in dem Fall nicht sehen.

Michael Schmidt-Driedger: Ja, das verstehe ich. Aber auf der anderen Seite muss man doch die Realität berücksichtigen: In der Praxis ist der Fliesenleger oftmals der Planer.

Rudolf Voos: Dann muss er das machen.

Markus Kohl: Der Planer kann ein Architekt sein, das kann aber auch der Fliesenleger oder der Installationsbetrieb sein, der das Bad plant. Wenn ein Planer einen Calciumsulfatestrich hat einbauen lassen und der Fliesenleger meldet Bedenken an, dann hat er seine Schuldigkeit getan, weil der Planer festlegt: Hier ist eine W1, hier können gipshaltige Materialien rein, dichtet das ab und gut ist es! Wenn dann hinterher ein Schaden passiert, ist es Planungshaftung. Ich denke, das ist Segen und Fluch dieser neuen Norm: Der Planer hat die Freiheit, alle Flächen, wie er will, festzulegen. Er kann sagen, diese Wand hat W0, jene hat W1 und das Stück Boden vor der Wand nennen wir W3. Diese Freiheit besteht, in einem Raum ganz verschiedene Zonen festzulegen und Wassereinwirkungsklassen zu benennen. Grundsätzlich finde ich es schwer nachvollziehbar, wenn auf dem Boden ein Quadratmeter als W2 definiert wird und die direkt angrenzende Wand lediglich als W1. Innerhalb von diesen paar Zentimetern ändert sich doch nicht der Lastfall. Entsprechend muss es doch meiner Meinung nach dieselbe Wassereinwirkungsklasse sein. Aber das wurde halt vom Ausschuss so festgelegt, dass man diese Freiheit hat.

Rudolf Voos: Die Freiheit zu haben, ist auch richtig. Wer die Freiheit hat und plant, hat natürlich auch die Verantwortung. Ich sehe es als Geschenk für die Ausführenden sagen zu können, es muss eine Planung vorliegen. Und wenn die vorliegt, kann ich relativ bedenkenfrei arbeiten – es sei denn, ich sehe ausführungstechnische Probleme. Wenn wir uns die Anwendungsbereiche der Norm vor Augen halten, muss man feststellen, dass man – selbst wenn man nur das Bad betrachtet – hinsichtlich Größe und Form sehr unterschiedliche Räume hat. Das alles muss die Norm abbilden, sie kann sich nicht durch eindeutige Festlegung auf wenige Beispiele begrenzen. Wir haben außerdem nicht nur das Bad als Nassraum, sondern viele andere Bereiche. Das geht über Küchen bis zu den Großduschen und beispielsweise auch lebensmittelverarbeitenden Bereichen, in denen mit Wasser oder mit Reinigungsmitteln hantiert wird. Überall dort brauchen wir etwas andere Regelungen. Wir haben versucht, ein paar Grundsätze aufzuzeigen, was alles eine Abdichtung leisten muss, und uns bemüht, dies an einigen Beispielen darzustellen.

Michael Schmidt-Driedger: Trotzdem muss man bei der Unterscheidung zwischen Planer und Ausführendem, gerade wenn man die besondere Verantwortung des Planers betont, festhalten, dass in der überwiegenden Zahl der typischen Fälle der Fliesenleger auch gleichzeitig der Planer ist.

Rudolf Voos: Ja, ist doch wunderbar. Unsere Fachbetriebe kennen die Norm oder sollten sie kennen und insofern auch wissen, dass sie als Planer mehr Verantwortung haben. Dann haben sie es doch selbst in der Hand, die Dinge nach ihren Vorstellungen mit dem Bauherrn zu vereinbaren und auszuführen. Der Tatsache, dass sie oftmals auch Planer sind, sind sich unsere Mitglieder bewusst.

Markus Kohl: Das ist der Vorteil der neuen Norm. Der Fliesenleger hat jetzt die Freiheit zu entscheiden und zu sagen, ich plane hier eine W2 im häuslichen Bad, also eine hohe Beanspruchung für den kompletten Boden, für die Wand in der Duschecke, und die wird dann ohne gipshaltige Stoffe aufgebaut. Diese Freiheit hat der Fliesenleger, wenn er selbst in der Planung ist.

17.01.2018