Ein Mann in einem dunklen Anzug steht draußen vor einem Baum und lächelt in die Kamera.
Augusto Ciarrocchi: Der ETS bestraft die europäischen Fertigungsindustrien. (Quelle: Confindustria Ceramica/Conelli)

Verbände 2026-06-09T12:59:52.988Z Europäischer Emissionshandel: „Soll jetzt alles zusammenbrechen?“

Der Chef des italienischen Industrieverbandes Confindustria – vergleichbar dem deutschen BDI -,
Emanuele Orsini, kritisiert öffentlich die Pläne der Europäischen Union für die Anpassung des
Emissionshandels.

Der Präsident der Confindustria Ceramica, Augusto Ciarrocchi, pflichtet ihm mit warnenden Worten bei. „Präsident Orsini verfügt über gute Kenntnisse der italienischen Keramikindustrie und wählte auf der Versammlung seines Verbands unsere Branche als Beispiel für die Desaster, die durch die Verzerrungen eines Instruments für Umweltschutz verursacht werden, das sich in eine undurchsichtige Besteuerung der Industrie verwandelt hat“, so Ciarrocchi.

Die Kritik an der Funktionsweise des Europäischen Emissionshandels gehört seit einigen Jahren zum Standard, wann immer die Confindustria Ceramica zu Pressekonferenzen einlädt. Seit einigen Monaten hat sich der Ton jedoch spürbar verschärft. Grund sind die Pläne der EU-Kommission zur Absenkung der sogenannten „Benchmarks“ für den Zeitraum von 2026 bis 2030.

Neue Regularien: „völlig losgelöst“

„Benchmarks“ gelten in der Europäischen Union als Referenzwert, der festlegt, wie viel CO2 bei der Herstellung einer Produkteinheit anfallen darf. Bereits im vorhergehenden Zeitraum von 2020 bis 2025 wurde der Benchmark für die europäische Keramikindustrie um mehr als 22,7 Prozent herabgesetzt. Im Zeitraum von 2026 bis 2030 soll er sich noch einmal um bis zu 35 Prozent verringern: Aus Sicht des Europäischen Verbandes der Europäischen Fliesenhersteller Cerame-Unie, der bereits im April 2026 seinen Standpunkt in einem Brief an die EU-Kommission deutlich gemacht hat, sind dies Vorstellungen, die „völlig von der industriellen Realität losgelöst“ seien.

Gas ohne Alternative

Grund hierfür ist, dass die vorgeschriebenen Grenzwerte bei der Verwendung von Gas technisch nicht erreicht werden können. Andere Energieformen wie zum Beispiel Strom oder auch Wasserstoff, die die Energiebilanz verbessern könnten, stehen den Herstellern der italienischen Fliesenindustrie nicht in den nötigen Mengen zur Verfügung.

Die Überschreitung der Benchmarks hat aber noch eine weitere Konsequenz: Wer genau innerhalb dieser Referenzwerte produziert, erhält so viele kostenlose Emissionsrechte, wie er braucht – so war es in den vergangenen Jahren. Wer weniger emittiert, kann die überschüssigen Rechte veräußern. Wer mehr CO2 ausstößt, muss Rechte hinzukaufen; das ist der Stein des Anstoßes der Confindustria Ceramica. In der vergangenen Handelsperiode 2020 bis 2025 beliefen sich die Ausgaben für den Erwerb von Emissionsrechten auf jährlich 70 Millionen Euro. Ohne Korrekturen, so Emanuele Orsini würde von 2026 bis 2023 ein Betrag von ungefähr 120 Millionen Euro jährlich fällig werden.

Die Europäische Kommission legt die Benchmarks nach eigener Aussage auf der Grundlage der zehn effizientesten Produktionsanlagen in einer Branche fest: Sie sind also keine Durchschnittswerte, sondern Beispiele höchster Emissionsersparnis, die eine ganze Branche fordern und anspornen sollen.

Noch ist allerdings nicht alles entschieden: Seit Mitte Mai hört die Europäische Kommission alle Beteiligten zu diesem Thema. Mit einer Entscheidung wird Mitte Juni 2026 gerechnet.

Industrien fühlen sich bestraft

Der Präsident der Confindustria weist in seiner Stellungnahme auch auf ein weiteres Ärgernis hin: So würde die Europäische Kommission nicht anerkennen, dass die italienischen Fliesenhersteller in den vergangenen Jahren sehr viel in nachhaltige Produktionstechnologien investiert haben. Das System könne so nicht weiter funktionieren, weil sie die europäischen Hersteller „bestrafe“ und Fliesenindustrien mit weit niedrigeren Umweltstandards – wie zum Beispiel Indien und China – Wettbewerbsvorteile verschaffe. „Soll bei uns hier eigentlich alles zusammenbrechen?“, so Ciarrocchi in einer Pressemeldung seines Verbands.

Cerame-Unie: Benchmarks vorerst einfrieren

Die absehbaren Belastungen für die Fliesenhersteller kämen zudem in einer Zeit großer geopolitischer Probleme, die eine erhebliche Verteuerung der Energiepreise mit sich brächte und die Unternehmen belaste. Als Zwischenlösung schlägt der Verband Cerame Uni- vor, den Benchmark auf dem Niveau des Zeitraumes von 2021 bis 2025 zu belassen, um der Branche die Möglichkeit für eine Stabilisierung für die Zeit nach den Krisen zu geben und ihre Investitionen in die Dekarbonisierung wieder aufzunehmen.

Die europäischen Fliesenhersteller, so geht es aus einem gemeinsamen Bericht der Region Emilia Romagna und dem spanischen Valencia, wo die gesamte spanische Keramikindustrie verortet ist, hervor, verursachen 0,9 Prozent der Emissionen in Europa mit Durchschnittswerten an den Produktionsstandorten, die zu den niedrigsten der regulierten industriellen Fertigung gehörten.

zuletzt editiert am 09. Juni 2026
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