Noch nie steckte Deutschland beim Bauen und Wohnen in einer so tiefen Krise: Das Wohnungsdefizit verharrt auf einem Rekordhoch. Aktuell fehlen bundesweit 1,35 Millionen Wohnungen. Gleichzeitig lässt die Bundesregierung den Wohnungsbau weiter abstürzen. Das geht aus dem „Bau-Monitor 2026“ hervor, den das Pestel-Institut am vergangenen Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt hat.
Dadurch gehe ein erhebliches Wirtschaftswachstum verloren: Das koste Deutschland unmittelbar 0,6 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) und in der Folge einen Wohlstandsverlust von insgesamt mindestens einem Prozent, so die Studie.
Darin haben die Wissenschaftler im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) die aktuelle Lage auf dem Bau und den Wohnungsmärkten in Deutschland untersucht. Sie sprechen von einer „fatalen Situation“. Deutschland erlebe einen Zustand, den es so noch nie gegeben habe: „Es werden so viele Wohnungen gebraucht wie lange nicht. Und es werden so wenige Wohnungen gebaut wie lange nicht. Beides kommt zusammen: Das ist toxisch – das ist Marktversagen. Die Folge ist der Kollaps auf dem Wohnungsmarkt“, sagt Matthias Günther vom Pestel-Institut. Der Studienleiter und Chef-Ökonom übt dabei heftige Kritik an der Bundesregierung: „Den Wohnungsbau so abstürzen zu lassen, ist sowohl sozial als auch ökonomisch unverantwortlich.“ Schließlich hänge die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands ganz entscheidend am Wohnungsbau.
Wohnungsknappheit als Wirtschaftsbremse
Wie dringend der Bedarf an Wohnungen sei, zeige die Beschäftigungsentwicklung: Sie sei in den vergangenen 15 Jahren bundesweit um über ein Viertel gestiegen. „Boom-Region Nummer 1 ist dabei Berlin: Mit einem Plus von nahezu 50 Prozent hat die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Hauptstadt enorm zugelegt. Entsprechend katastrophal ist die Lage auf dem Wohnungsmarkt, da der Neubau in Berlin bei Weitem nicht mitgezogen hat. Aktuell fehlen in Berlin mindestens 58.000 Wohnungen“, so Günther.
Die Wohnungsknappheit entwickelt sich nach Angaben des Pestel-Instituts auch in einem weiteren Punkt immer mehr zur Wachstumsbremse – genauer gesagt, zur Beschäftigungsbremse. Die Wissenschaftler haben dabei die 1,15 Millionen Arbeitsplätze im Blick, die als offene Stellen bei der Arbeitsagentur gemeldet sind. Gerade in Großstädten und Metropolregionen werde es immer schwieriger, frei werdende Arbeitsplätze vor allem in unteren Einkommensgruppen neu zu besetzen.
Der Wirtschaftsstandort Deutschland verliere selbst für zugewanderte Arbeitskräfte an Attraktivität: „Gerade Polen, Bulgaren und Rumänen gehen zum ersten Mal wieder verstärkt in ihre Heimatländer zurück“, so Günther. Das sei eine „deutliche Warnung“ und lasse auf eine sinkende Attraktivität des Standorts Deutschland schließen. Dabei werde der Bedarf an Arbeitskräften in den kommenden zwölf Jahren erheblich steigen. „Denn dann gehen 400.000 Beschäftigte – die Baby-Boomer nämlich – pro Jahr mehr in Rente als junge Menschen ins Erwerbsleben nachrücken“, sagt Studienleiter Günther.