Dr. Mara Terzoli
Dr. Mara Terzoli ist Geschäftsführerin bei Saint-Gobain Weber. (Quelle: F+P/msd)

Industrie

11. July 2022 | Teilen auf:

„Ein guter Chef braucht Empathie“

Seit dem 1. September 2021 ist Dr. Mara Terzoli Geschäftsführerin beim Baustoffhersteller Saint-Gobain Weber und löste ihren Vorgänger Florent Pouzet ab. F+P Fliesen und Platten sprach mit der 41-Jährigen über die ersten Monate ihrer Tätigkeit und stellt die Frau an der Spitze des Unternehmens vor.

F+P: Frau Dr. Terzoli, Sie sind seit dem 1.9.2021 Geschäftsführerin bei Saint-Gobain. Nach gut einem halben Jahr: Haben Sie sich mittlerweile in Ihrer neuen Position eingelebt?

Dr. Terzoli: Ja, ich fühle mich angekommen.  Natürlich gibt es immer neue Themen und neue Herausforderungen, aber da ich bereits zuvor im Saint-Gobain Konzern gearbeitet habe, war der Wechsel zu Weber einfach und ich fühle mich sehr wohl.

F+P: Sie haben in Italien studiert ...

Dr. Terzoli: Ja, ich habe an der Mailänder Universität Luigi Bocconi Betriebswirtschaft studiert und im Bereich Internationale Wirtschaft promoviert.

F+P: Wie kamen Sie zu Saint-Gobain?

Dr. Terzoli: Ich kannte Saint-Gobain bereits. Aufgrund meiner Sprachkenntnisse hielt ich primär nach einem internationalen Arbeitgeber Ausschau. Saint-Gobain bot damals – das war 2005 – bereits ein Management-Führungskräfteprogramm, auf das ich mich bewarb.

F+P: Haben Sie ein Vorbild, dem Sie – beruflich oder allgemein – nacheifern?

Dr. Terzoli: Grundsätzlich bin ich in meinem Leben vielen großartigen Menschen begegnet, auch beruflich. Dabei hat mich einer meiner ersten Chefs in Paris besonders beeindruckt, weil bei ihm neben der Intelligenz und fachlichen Kompetenz vor allem seine freundliche und menschliche Art überzeugt hat. Er hat vorgelebt, dass man Empathie und emotionale Intelligenz braucht, wenn man ein guter Vorgesetzter sein will.

F+P: Es ist zwar ungerecht, dass diese Frage in der Regel nur Frauen gestellt wird, aber wahrscheinlich interessiert es unsere Leser trotzdem: Wie schaffen Sie es in Ihrer Position als Geschäftsführerin, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen?

Dr. Terzoli:  Ich habe drei Töchter im Kindergarten- und Grundschulalter. Ja, wie organisiert man das? Durch viel Planung. Vielleicht bei mir etwas mehr als bei anderen Menschen, gerade wenn Auslandsreisen mit Übernachtungen anstehen. Ich habe jedoch viel Unterstützung zu Hause, beispielsweise durch ein Au-pair. Wenn ich nicht unterwegs bin, genieße ich es, die Kinder abends ins Bett und morgens zur Schule zu bringen.

„Mir war wichtig zu zeigen, dass sich Familie und Beruf unter einen Hut bringen lassen.“ (Quelle: F+P/msd)

F+P: Die Kinder wachsen mehrsprachig auf?

Dr. Terzoli: Ja, zweisprachig, deutsch und italienisch.

F+P: Der Rücktritt der ehemaligen Bundesfamilienministerin Anne Spiegel hat vor einigen Monaten für Aufsehen gesorgt und das Thema Vereinbarkeit von Privatleben und beruflichen Anforderungen gerade für Frauen in Führungspositionen in den Mittelpunkt gerückt. Wie stehen Sie persönlich zu dieser Frage?

Dr. Terzoli:  Prinzipiell finde ich, dass man – gleich, ob Mann oder Frau – stets das tun sollte, was man machen möchte. In meinem persönlichen Fall bin ich für diese Chance sehr dankbar. Mir war es immer sehr wichtig, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Unternehmen sollten die Voraussetzungen dafür schaffen, Privat- und Berufsleben miteinander zu vereinbaren – und natürlich bleibt in diesem Bereich noch einiges zu tun.

F+P: Im Saint-Gobain-Konzern sind Sie ja schon seit einigen Jahren in unterschiedlichen Funktionen beschäftigt. Dabei gab es bereits früher Berührungspunkte mit der Fliese – für Sie ein besonderer Baustoff?

Dr. Terzoli:  Für mich ist Bodenbelag generell ein sehr interessantes Thema und die Fliese, sowohl die keramische als auch die aus Naturstein, ist dabei eine der schönsten Materialien. Eine meiner beruflichen Stationen bei Saint-Gobain war im Einkauf der Fliesensparte von Saint-Gobain Building Distribution. Dort habe ich Hintergrundwissen zu Fliesen erworben, gleichzeitig habe ich die Perspektive des Fliesenhandels kennengelernt. Das ist auch für meine aktuelle Tätigkeit hilfreich.

F+P: Was macht in Ihren Augen Saint-Gobain Weber anders als andere Unternehmen?

Dr. Terzoli: Saint-Gobain Weber ist durch die Segmentstruktur Multispezialist. Unsere Kunden profitieren dadurch einerseits von der Breite eines großen Sortiments und den Synergien zwischen den Bereichen und andererseits von dem Expertenwissen unseres Teams. Das heißt, wir gehen sowohl in die Breite als auch in die Tiefe. Zudem bieten sich uns als Teil eines internationalen Konzerns viele Möglichkeiten, beispielsweise in der Forschung und Entwicklung. Gleichzeitig haben wir Freiheiten und können eigene Wege einschlagen, um den regionalen Markt zu bedienen.

F+P: Wo sehen Sie derzeit ihre größten beruflichen Herausforderungen?

Dr. Terzoli: Zuallererst geht es darum, das Unternehmen gut durch die angespannte Marktsituation zu führen, die derzeit alle am Bau tätigen Firmen betrifft. Die dadurch entstehenden Herausforderungen sind komplex, aber Weber ist gut gewappnet, und wir verstehen dies auch als Chance. Daneben beschäftigt mich insbesondere das Thema CO2-Reduktion und nachhaltige Prozesse. Weber hat sich verpflichtet, bis 2045 klimaneutral zu werden. Aktuell bauen wir unseren Standort in Weilerswist aus, in dem wir unter anderem Fliesenverlegeprodukte produzieren. Wir sind auf einem guten Weg, dieses Werk zeitnah klimaneutral zu betreiben.

Wir haben mit Dr. Mara Terzoli auf dem Fachpressetag von Saint Gobain-Weber gesprochen – dort hat das Unternehmen auch seine Nachhaltigkeitstrategie vorgestellt. Mehr dazu lesen Sie in Ausgabe 7 von F+P Fliesen und Platten auf Seite 47.

zuletzt editiert am 04.07.2022