Eingezwängt zwischen dem europäischen Emissionshandel und globaler Konkurrenz bangt die italienische Confindustria Ceramica um die Zukunft ihrer Unternehmen. Ein Event zum Thema Energiekosten sollte Anfang Mai 2025 auch einem breiteren Publikum Klarheit verschaffen.
Selten wie in diesen Wochen stand das Thema „Energie“ so hoch auf der Prioritätenliste der italienischen Fliesenindustrie. Zwar haben sich die Energiepreise längst von dem hohen Niveau entfernt, das in den Monaten nach Beginn des Ukrainekrieges Schockwellen durch die Branche schickte, dennoch bleibt das Thema auf der Tagesordnung und taucht bei jeder passenden Gelegenheit in Form einer bissigen Kritik am Europäischen Emissionshandels auf, der im vergangenen Jahr in eine neue Phase getreten ist, und die europäische Industrie auch in den kommenden Jahren weiterhin zu einem Abbau des CO2-Ausstoßes antreiben soll.

Anfang Mai 2025 wählte die Confindustria einen anderen Ansatz und lud zu einer öffentlichen Veranstaltung in das bekannte Theater „Carani“ in Sassuolo, um dem Publikum die Probleme zu verdeutlichen, denen sich die keramischen Fertigungsbetriebe in der Region und darüber hinaus gegenübersehen. Das Event wurde als Teil der Feierlichkeiten zum 850. Gründungsjubiläum der Universität von Modena und Reggio Emilia ausgerichtet, und konnte dazu hochkarätige Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft – so auch den Präsidenten der Verbands Confindustria Ceramica Augusto Ciarrocchi – zur Teilnahme motivieren.
„Die Gaspreise sind das Problem der italienischen Fliesenindustrie.“
Franco Manfredini, Präsident der Kommission für Energie in der Confindustria Ceramica
Emissionsrechte: kriegen oder kaufen
Der im Mittelpunkt der Veranstaltung stehende Emissionshandel (ETS = Emissions Trading System) bildet seit 2005 das zentrale Klimaschutzinstrument der Europäischen Union. Die Bedeutung des ETS wurde durch das im Jahr 2021 von der Europäischen Kommission vorgestellte Projekt „FIT for 55“, das eine Verminderung der europäischen Emissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent vorschreibt, noch einmal intensiv vor Augen geführt. Im Rahmen des ETS-Systems wurden die Standorte von CO2 emittierenden Industrien in Europa erfasst und diesen Rechte für den Ausstoß von Treibhausgasen zugewiesen. Diese wurden entweder gratis ausgegeben („Caps“) oder mussten von den Unternehmen käuflich erworben werden („Trade“). Über die gesteuerte Verknappung der kostenlosen und die durch den Handel sich verteuernden „Verschmutzungsrechte“ sollen die Industriebetriebe dazu angespornt werden, ihre Emissionen zu verringern.

Phase 4: Eine zu viel
Die Umsetzung des Emissionshandels verlief in mehreren Phasen, von denen die vierte im vergangenen Jahr 2024 in Kraft trat. In dieser Phase wurden die freien Verschmutzungsrechte nochmals reduziert, was die Kosten für die Emission pro Tonne CO2 auf über 80 Euro ansteigen ließ. Gleichzeitig wurden die linearen Reduktionsfaktoren, um die die Unternehmen ihren CO2-Ausstoß jährlich verringern müssen, ab 2024 von 2,2 Prozent auf 4,4 Prozent erhöht.
„Europa hat sich bei den Emissionen sehr ambitionierte Ziele gesetzt, obwohl es nur für sechs Prozent des weltweiten Ausstoßes verantwortlich ist.“
Davide Tabarelli, Chef des Energie-Beratungsunternehmens „Numisma Energy“
Dicker Kostenblock: Energie
Dies habe bis jetzt zu Kostensteigerungen von 120 Millionen Euro geführt, so der Verband Confindustria Ceramica in seiner abschließenden Pressemitteilung. „Die Gaspreise sind das Problem der italienischen Fliesenindustrie“, sagte der Präsident der Kommission für Energie in der Confindustria Ceramica Franco Manfredini, der gleichzeitig Chef des Fliesenherstellers Casalgrande Padana ist. „Ungefähr ein Drittel unserer Kosten entfallen auf Gas und Strom: Das ist ein absolut hoher Kostenblock, der noch mehr wiegt, wenn man die Preisvorteile unserer Konkurrenten berücksichtigt.“
Manfredini fordert Rückerstattung indirekter Kosten
„Der Europäische Emissionshandel ist ein Mechanismus, der die Wirtschaft zur Dekarbonisierung führen soll“, so Manfredini weiter. „Er beinhaltet auch Schutz-Klauseln für den Fall, dass die Überlebensfähigkeit einer Branche durch die Maßnahmen beeinträchtigt wird, diese gilt es jetzt zu aktivieren.“ Gemeint sind unter anderen die Möglichkeiten der Rückerstattung der indirekten Kosten beim Erwerb der „Verschmutzungsrechte“, die für die Keramikindustrie noch nicht gelten.
Zu der Konferenz wurden auch Europarlamentarier zugeschaltet, die sich teils kritisch über die „ideologischen Positionen“ in manchen Fraktionen äußerten. Stefano Cavedagna, der in Brüssel die italienische Regierungspartei „Fratelli D´Italia“ von Giorgia Meloni vertritt, sprach von einer „grünen Betrunkenheit“ bei dem Thema Emissionen und warnte davor, der Industrie Nachhaltigkeitsziele vorzuschreiben, die diese nicht erfüllen könnten, weil die dafür notwendigen Technologien nicht zur Verfügung stünden.

ETS ja – aber richtig
Anzufügen ist, dass sich niemand – weder Unternehmer noch der Verband – gegen eine Dekarbonisierung ausgesprochen hat. Die Branche fordert lediglich einen für die Unternehmen machbaren Weg dorthin – unter Einschluss eines „funktionierenden“ Emissionshandels. Nach Aussage des deutschen Bundesumweltamts hat das System seit seinem Bestehen 2005 den CO2-Ausstoß in Europa um 29 Prozent reduziert.
Hohe Kosten in den kommenden Jahren
Auch der Chef des Energie-Beratungsunternehmens „Numisma Energy“, Davide Tabarelli, äußerte sich kritisch zur Funktionsweise des ETS-Systems. „Europa hat sich bei den Emissionen sehr ambitionierte Ziele gesetzt, obwohl es nur für sechs Prozent des weltweiten Ausstoßes verantwortlich ist.“ Seit dem Start des Europäischen Emissionshandels im Jahr 2005 habe dieser im Laufe der Zeit einen immer ausgeprägteren Finanzcharakter angenommen, der die Preise der Verschmutzungsrechte pro Tonne im April 2025 bis auf über 66 Euro getrieben hat. Zwischen 2024 und 2035 würden die Kosten pro Tonne um bis zu 96 Euro weiter ansteigen können.
Kommt die Reform?
Die Preisdifferenzen zu anderen Wirtschaftsräumen der Welt wurden in der Zwischenzeit immer größer: „In China kostet eine produzierte Tonne CO2 13 Dollar, in Kalifornien 38 Dollar und in Australien 22 Dollar“, so Tabarelli. Die energieintensive italienische Fliesenproduktion sei diesen Preisunterschieden ganz besonders ausgesetzt. „Die italienische Fliesenindustrie hat 2024 1,2 Milliarden Kubikmeter Gas und 1,9 Milliarden Kilowattstunden Elektrizität verbraucht, was 3,5 Millionen Tonnen CO2 generierte – das sind 1,9 Prozent des nationalen und 3 Prozent des industriellen Verbrauchs“, führte Tabarelli aus. Allerdings erwartet Tabarelli bis zum Ende der europäischen Legislaturperiode (2024 – 2029) eine Reform des ETS-Mechanismus. In der Zwischenzeit sei ein Rückgang der Emissionen zu erwarten: „Aber nicht wegen zunehmender Energie-Effizienz, sondern durch die fortschreitende Deindustrialisierung.“
Industrie: große Bedeutung für die Beschäftigung
Die Veranstaltung zielte darauf ab, dem Fachpublikum und darüber hinaus ein Bewusstsein für die kommenden Herausforderungen einer Industriebranche zu schaffen, die für die Region von herausragender Bedeutung ist: So steht die Fliesenindustrie in den beiden Provinzen Modena und Reggio für 11,6 Prozent der Wertschöpfung und 7,5 Prozent der Beschäftigung der Fertigungsindustrie. „Mit diesen Werten liegt die Fliesenindustrie weit oberhalb sowohl des regionalen wie auch des nationalen Durchschnitts“, so die Confindustria Ceramica in ihrem Abschlussbericht. Allein in Sassuolo wurden im Jahr 2023 von 14.350 direkt Beschäftigten 85,5 Prozent der gesamten italienischen Fliesenproduktion gefertigt. Die Gesamtzahl der in der Keramikbranche Beschäftigten beläuft sich auf 40.000 Mitarbeiter, deren Unternehmen eng miteinander verbunden seien, und eine hohe Kapitalisierung aufwiesen.
Keramikfliese: Erfolgsgeschichte ohne Zukunft?
Die von der Confindustria Ceramica ausgerichtete Veranstaltung führte die Dringlichkeit des Themas für die europäischen Industrien anschaulich vor Auge. Auch wenn sich manche der Referenten zu sehr deutlichen Aussagen verleiten ließen, glitt die Diskussion nicht ins Populistische ab. Dass eine Branche mit europäischer Erfolgsgeschichte nach so mancher Krise und überstandener Pandemie ihren Fortbestand durch die Nachhaltigkeitspolitik der Europäischen Kommission in Frage gestellt sieht, konnte schon überraschen und macht neugierig auf den weiteren Verlauf des Energie-Diskurses, den die Branche in diesem Jahr und darüber hinaus zu führen hat.