Der Präsident der Confindustria Ceramica Giovanni Savorani Quelle: Uwe Leppert
Präsident Savorani: „Zulieferpreise 2021? Völlig irre!“ Quelle: Uwe Leppert

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12. May 2021 | Teilen auf:

Cersaie 2021: „Ein anderer Horizont“

Italiens Fliesenindustrie beginnt das Jahr 2021 fulminant. Der keramische „Kickstart“ wird begleitet von Preissteigerungen auf der Zulieferseite, die dem Herstellerverband Confindustria Ceramica Sorge bereiten. In die aufgekratzte Geschäftslage platzte Ende April dann auch noch die Ankündigung, der Keramiksalon Cersaie werde stattfinden: Impfstoffe und Präventions-Protokolle sollen dies möglich machen.

Die römische Regierung hat Mitte April beschlossen, dass im Rahmen des stufenweisen Öffnungsprogramms nach der Pandemie Fachmessen ab dem 1. Juli 2021 wieder stattfinden können. Hierbei müssen die entsprechenden Sicherheitsprotokolle eingehalten werden. Der Beschluss macht auch den Weg für die Cersaie 2021 wieder frei. Der Keramiksalon soll, so der Verband Confindustria Ceramica in einer Pressemitteilung, vom 27. September bis zum 1. Oktober in Bologna stattfinden.

Gut 80 Prozent der verfügbaren Standfläche sei bereits gebucht. Ungefähr 40 Prozent hiervon entfallen davon auf internationale Aussteller, so der Verband Confindustria Ceramica in seiner Mitteilung.

Kein Konsens gegen Keramikmesse

Von Fliesen und Platten befragte Unternehmen haben die Ankündigung durchaus mit Interesse und Zustimmung aufgenommen. „Im vergangenen Jahr gab es spätestens seit Mai den Konsens in Sassuolo, dass die Cersaie nicht stattfinden sollte. In diesem Jahr sehe ich diesen Konsens nicht“, so der Geschäftsführer eines bekannten Herstellers. Die in Italien seit Ende der ersten Aprilwoche rückläufige Anzahl der insgesamt Infizierten, die fortschreitende Impfung und die Erfolge der Vakzine in Ländern wie Israel oder auch Großbritannien haben in Sassuolo eine positivere Stimmungslage und einen anderen Erwartungshorizont für die kommenden Monate geschaffen, als dies im vergangenen Jahr der Fall war.     

Weniger ist diesmal mehr

Verschiedentlich trifft man bei Gesprächspartnern allerdings auch auf Skepsis dahingehend, wie vielen Interessierten man einen sicheren Besuch der Cersaie ermöglichen kann. Eine Besucherzahl von 100.000 – vollkommen üblich auf dem Keramiksalon – wird als zu hoch gegriffen empfunden. Vermutlich würden sich – so kurz nach der Pandemie – generell auch etwas weniger Besucher nach Bologna auf den Weg machen.  Eine spürbare Reduzierung des Besucherzuflusses wird als mögliche und wahrscheinliche Maßnahme genannt, um die Einhaltung zum Beispiel von Abstandsregeln sicherzustellen. Dies müsste auch für den Zugang zu den Ständen und den Aufenthalt innerhalb dieser gelten. Auch  eine Fachmesse auf einem niedrigeren numerischen Niveau, so der Eindruck, würde folglich operativ einen nicht unerheblichen Aufwand notwendig machen.  

Alle Messewünsche basieren natürlich auf der Voraussetzung, dass das Virus weiter zurückgedrängt, die Impfungen forciert und es insbesondere Ländern wie Italien und Deutschland gelingt, die Epidemie unter Kontrolle zu bringen und aus dem pandemischen Notstand vollständig herauszutreten, was bis jetzt noch nicht gelungen ist, im Laufe der kommenden Monate aber als durchaus nicht unmöglich erscheinen muss. Als Zeitpunkt für eine diesbezügliche Beurteilung und eine definitive Entscheidung, an einer Cersaie 2021 teilzunehmen, wird von den Unternehmen häufig Ende Juni oder Anfang Juli genannt.   

Zurück zur Normalität: Menschen treffen, Fliesen anfassen. Quelle: Cersaie

Jahresbeginn  2021: Märkte im Aufwind – die Kosten auch

Die italienische Fliesenindustrie hat, wie Fliesen und Platten bereits berichtete, das pandemische Jahr 2020 besser als erwartet hinter sich gebracht: Der Mengenabsatz fiel um lediglich vier Prozent, allerdings rutschte die Produktionsmenge um insgesamt gut 17 Prozent ab: Fünf verlorene Produktionswochen von Mitte März bis Ende April waren industriell nicht mehr aufzuholen.

Endgültige Daten zu den Mengen und dem Umsatz des Jahres 2020 wird der Verband Anfang Juni vorlegen können.

Nach einem verhaltenen Start gewann das erste Quartal 2021 immer mehr an Dynamik. „Die verlorenen Mengen des Jahres 2020 sind bereits wettgemacht“, so der Geschäftsführer eines bekannten Herstellers. Es kam aber noch besser: Manche Märkte starteten senkrecht und rissen die Kosten gleich mit „durchs Dach“. Eine „verrückt gewordene Nachfrage“, so scheint es,  macht Jagd auf Produkte und Dienstleistungen, die es nach den Auszeiten des Jahres 2020 noch nicht geben kann.

„Einen solchen Boom als Jahreseinstieg habe ich noch nie gesehen“, so ein erfahrener Verkaufsdirektor zu Fliesen und Platten, „und mit Ausnahme von Südamerika ist die Entwicklung überall positiv“. Dies gelte auch für den deutschen Markt, der seit dem Frühjahr 2020 durch alle schwierigen Monate hindurch von allen wichtigen Märkten die größte Kontinuität beweisen habe.   

Teures Kobalt, keine Container

In der Tageszeitung für Wirtschaft Il Sole 42 Ore äußerte sich der Präsident der Confindustria Ceramica Giovanni Savorani derweil kritisch zu den enormen Preiserhöhungen und Engpässen bei Rohstoffen, Holz, Energie und Containern für das Überseegeschäft. Der Beitrag ist Teil einer Artikelreihe zum Thema „Zulieferung in Gefahr“, die sich mit den extremen Kostensteigerungen angesichts der weltweiten Öffnung der Volkswirtschaften beschäftigt.

Die Preise für Holzpaletten seien um 30 Prozent, die für Feldspat und Kaolin um 10 bis 12 Prozent gestiegen. Für Kobalt wurden Verteuerungen bis 70 Prozent genannt. Die Ausgaben für Emissionsrechte im Rahmen des Europäischen „Emission Trading Systems“ haben sich in diesem Jahr sogar von 24 Euro pro Tonne auf 50 Euro pro Tonne mehr als verdoppelt. Die Kosten für Container – wenn es denn welche gibt – im toskanischen Hafen Livorno stiegen in kürzester Zeit um 100 Prozent – und seien mittlerweile zehnmal so hoch wie im spanischen Valencia. Savorani benennt als Ursachen der gegenwärtigen Situation das „asymmetrische Anlaufen“ der Wirtschaftsräume und spekulative Mechanismen, die die Industrien und Unternehmen um die Früchte der beginnenden Öffnung bringen könnten.

Steigender Absatz

Die gute Verkaufsentwicklung in den ersten drei Monaten generierte in Italien ein Umsatzplus von 19 Prozent und ein Plus von 9 Prozent im Auslandsgeschäft, so Savorani weiter. Eine Ausnahme im sonst erfreulichen Panorama bilden die USA, wo Verluste in einer Höhe von 10 Prozent verzeichnet wurden, während Spanien hier das Quartal mit einem Plus von 27 Prozent abgeschlossen habe.

Hoffen auf volle Normalität

Nach gut einem Jahr Kampf gegen den Virus sind die Perspektiven der Branche deutlich besser als vor einem Jahr. Die Menschen wollen wieder reisen und so auch die Vertriebsmitarbeiter der Fliesenindustrie. Ob die wiederbeginnende Normalität für eine Fachmesse im Herbst ausreichend ist, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.