Dekohaus mit Münzstapeln ansteigender Höhe
Ohne Preiserhöhungen können die Baustellen nicht versorgt werden, meint die Deutsche Bauchemie. (Quelle: Pixabay)

Aktuell

07. April 2022 | Teilen auf:

Bauchemie warnt vor Baustellen-Stopps

Nach Einschätzung der Deutschen Bauchemie muss die gesamte Bau-Wertschöpfungskette die Preise weiter erhöhen, um die zuverlässige Versorgung der Baustellen in Deutschland sicherzustellen.

Die massiven Verfügbarkeitsprobleme und Kostenanstiege für Hersteller bauchemischer Erzeugnisse in den Bereichen Energieversorgung, Rohstoffe und Logistik durch den Ukrainekrieg trifft auf die noch nicht überwundene Coronakise – beide zusammen wirken sich massiv auf die Branchensituation aus, so der Verband Deutsche Bauchemie. Preiserhöhungen seien daher zwingend, wenn die Baustellen weiter versorgt werden sollen.

Rohstoffverfügbarkeit und Materialversorgung, drastische Energiepreisanstiege und Probleme im internationalen Fracht- und Logistikmanagement sind die zentralen aktuellen Herausforderungen, deren Auswirkungen die bauchemische Industrie immer deutlicher spüre. Dauert diese Situation an, rechnet die Branche mit einem Stillstand auf vielen wichtigen Baustellen.

Die enorme Preisvolatilität von Gas-, Öl-, Strom- und Dieselpreisen erschwere die Planung, so die Deutsche Bauchemie. (Quelle: Pixabay)

Energiepreise: plus 70 Prozent

Die Gaspreise sind weiter massiv angestiegen, seit Kriegsbeginn um über 70  Prozent, so der Verband der Chemischen Industrie (VCI). Die anhaltende Unsicherheit über die Zuverlässigkeit russischer Gaslieferungen verstärkt den Preistrend nach oben deutlich. Sollte es zu einem Lieferstopp kommen, würde es nach Expertenaussagen einen weiteren deutlichen Preissprung nach oben geben, so die Deutsche Bauchemie. Erdgas ist mit einem Anteil von über 43 Prozent der wichtigste Energieträger für die chemische Industrie. Explodierende Gaspreise ziehen auch die Preise für die Stromerzeugung stark nach oben. Kritisch ist die Lage beim Diesel. Rund 14 Prozent des hierzulande vertankten Diesels stammen aus russischen Raffinerien. Spekulationen an den internationalen Märkten treiben die Preise weiter. Gleichzeitig sind Gas-, Öl-, Strom- und Dieselpreise einer enormen Preisvolatilität unterworfen, was die Planbarkeit massiv erschwert. Es muss jederzeit mit kurzfristig weiter steigenden und stark schwankenden Preisen gerechnet werden. Die angespannte Lage der Unternehmen aufgrund der hohen Energiepreise spitzt sich laut VCI seit Kriegsbeginn zu.

Wichtige Rohstoffe fehlen

Für die Branche wichtige Rohstoffe und Komplementärprodukte sind auf dem Beschaffungsmarkt derzeit nicht in ausreichender Menge verfügbar, darunter zum Beispiel Bitumen. Nach Medienberichten haben große Raffinerien bereits angekündigt, kurzfristig weniger Bitumen herstellen zu können. Das kann relativ zeitnah zu Materialverknappung auf den Baustellen führen. In einer Mitgliederbefragung des VCI im März 2022 zeigten sich 79  Prozent der Unternehmen schwer oder sehr schwer betroffen von den Engpässen bei den Vorprodukten und den hohen Rohstoffkosten; sie sprechen von einer deutlichen Verschlechterung der Produktionsbedingungen in den letzten Wochen.

Wichtige Rohstoffe wie Bitumen stehen den Herstellern aktuell nicht oder sehr eingeschränkt zur Verfügung. (Quelle: Pixabay)

Verzögerungen in Lieferketten und Logistik

Die unter anderem durch die Coronakrise bedingten Probleme in den globalen Zuliefernetzwerken würden durch den Krieg in der Ukraine verschärft und Produktionseinbußen erhöhen sich, diagnostiziert das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft. Rund 60 Prozent der Industrieunternehmen melden zusätzliche Störungen in der Lieferkette und Logistik als Folge des Krieges, erklärte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag e.V. (DIHK) Mitte März. Logistik-Dienstleister beklagen den Abgang zahlreicher osteuropäischer Kraftfahrer, die als Kriegsfreiwillige ihre Heimat verteidigen möchten; die Kosten für Logistikservices steigen deshalb und aufgrund der Dieselpreisentwicklung stark an. Aktuelle Probleme entstehen zudem durch den Lockdown in Wirtschaftsmetropolen wie Shanghai, Shenzhen, Changchun und Tangshan. So ist etwa der Yantian-Hafen in der Wirtschaftsmetropole Shenzhen zwar geöffnet, die Verladung von Containern hat sich aber deutlich verlangsamt, weil Hafenarbeiter und Lkw-Fahrer zu Hause bleiben. Diese Verzögerungen werden in Europa über kurz oder lang zu spüren sein.

Schon Ende letzten Jahres hatte die Deutsche Bauchemie auf die Folgen der Lieferkettenstörungen und die daher notwendigen deutlichen Preisanpassungen für bauchemische Produkte hingewiesen. Trotz der seitdem durchgeführten Preismaßnahmen habe sich der deutliche Margenrückgang zum Beispiel von PCE-basierten Betonzusatzmitteln, ölbasierten Betontrennmitteln oder polypropylenbasierten Polymerfasern fortgesetzt, da die Kostenerhöhungen nicht kompensiert werden konnten, so der Verband.

Maßnahmen: Preisgleitung

Das Bundesbau- und das Bundesverkehrsministerium haben Ende März einen Erlass veröffentlicht, mit dem das Thema Lieferengpässe und Stoffpreisänderungen für den gesamten Bundesbau einheitlich geregelt werden soll. Der Erlass ordnet für bestimmte Baustoffe wie zum Beispiel Epoxidharze, Stahl oder Bitumen die Anwendung der Stoffpreisgleitklausel an. Ein wichtiger Punkt für die Anwendbarkeit der Stoffpreisgleitklausel ist die Verkürzung des Mindestabstands zwischen Angebotsabgabe und Einbau von sechs auf einen Monat. Dadurch können, anders als in der Vergangenheit, auch viele kurzlaufende Bauverträge in die Preisgleitung einbezogen werden.

Die Erhöhung der Flexibilität in den Lieferkonditionen ist nach Meinung der Deutschen Bauchemie nicht nur bei öffentlichen Aufträgen unbedingt erforderlich. In der Vergangenheit sei den Kunden häufig ein fester Jahrespreis beziehungsweise ein über die Dauer eines Bauprojekts fixierter Produktpreis angeboten worden – dies sei jetzt nicht mehr möglich.

Die Unternehmen der Deutschen Bauchemie rechnen mit einem dauerhaft hohen Preisniveau bauchemischer Erzeugnisse. Darüber hinaus hat die Branche wie die Wirtschaft insgesamt mit der hohen Inflationsrate zu kämpfen. Sie soll nach Schätzungen von Experten in diesem Jahr auf durchschnittlich deutlich über fünf Prozent steigen. Das war in Deutschland zuletzt vor über 40 Jahren der Fall, die Inflationsrate kletterte damals nach der zweiten Ölpreiskrise auf 6,3 Prozent.

zuletzt editiert am 13.04.2022