Zu gut ausgebildet, zu wenig Lohn, enttäuschte Eltern: Für viele Abiturienten kommt eine Ausbildung im Handwerk nicht in Frage. Dabei bietet die gerade ihnen beste Entwicklungsmöglichkeiten. (Foto: Michael Schwarzenberger/Pixabay)
Bei der Suche nach dem passenden Beruf haben viele Jugendliche mit Abitur Vorurteile gegenüber einer handwerklichen Ausbildung. Einige denken, sie seien überqualifiziert, weil sie so lange die Schulbank gedrückt haben, andere meinen, die Entlohnung sei zu gering. Manche Eltern wehren sich gegen eine Ausbildung, weil sie finden, dass nur ein abgeschlossenes Studium etwas zählt.
Doch das Handwerk braucht insbesondere Jugendliche mit Abitur, sagt Raimund Kegel, Geschäftsführer des Berufsbildungsausschusses der Handwerkskammer Konstanz: „Gerade Abiturienten bringen das perfekte Rüstzeug für eine Karriere in den vielen, immer anspruchsvoller werdenden Handwerksberufen mit. Denn im Zuge der Digitalisierung braucht das Handwerk Menschen, die komplexe Zusammenhänge verstehen und sich schnell in neue Situationen einarbeiten können.“ Ob in der Werkstatt oder auf der Baustelle, die Arbeitsprozesse hätten sich überall verändert und die IT nehme einen ganz wesentlichen Stellenwert in der Produktion, Wartung oder der Kommunikation ein. „Modernes Handwerk bedeutet nicht mehr nur kräftig zuzupacken, sondern mit den neuesten Technologien zu arbeiten“, so Kegel. Auch finanziell lohne sich eine Ausbildung im Handwerk: Statt Studiengebühren und überfüllter Hörsäle biete eine Ausbildung ein geregeltes Einkommen von Anfang an.
Vom Gesellen zum erfolgreichen Unternehmer
„Viele erfolgreiche Unternehmer haben ihre Wurzeln in einer handwerklichen Ausbildung. Sie haben von der Pike auf gelernt, worauf es in der Praxis ankommt und ihre Kenntnisse nach und nach mit theoretischem Wissen untermauert“, sagt Kegel.
Abiturienten haben die Möglichkeit, die Ausbildungszeit um ein Jahr zu verkürzen. „Wir empfehlen den Gesellen, nach der Prüfung einige Jahre im Beruf zu arbeiten, um Erfahrungen zu sammeln. Wer sich weiterqualifizieren möchte, kann den Meister machen, der Handwerkerinnen und Handwerker berechtigt, einen eigenen Betrieb zu führen und selbst auszubilden“, erklärt Kegel. Die Fortbildung Betriebswirt /-in im Handwerk ergänze das Wissen aus der Meisterprüfung zusätzlich. „Hier lernen die Meister vertiefende Inhalte zu Themen wie Personalwesen, Kalkulation oder Marketing, was für die Betriebsführung wichtig ist“, so Kegel.
Vom Handwerk an die Uni
Wer eine handwerkliche Ausbildung lediglich als Basis sieht und danach einen akademischen Weg einschlagen möchte, kann dies problemlos tun. Gesellen mit einigen Jahren Berufserfahrung erwerben automatisch die sogenannte fachgebundene Hochschulreife, mit der sie sich in Studienfächern einschreiben können, die im Bereich der Ausbildung liegen. Mit einem Meistertitel erhält man die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung und kann alle Fächer an einer Uni studieren.
Weitere Informationen zum Thema Handwerk und Abitur finden Sie unter: www.hwk-konstanz.de und www.handwerks-power.de. Mehr zu „Karriere im Handwerk“ lesen Sie außerdem in unserer gleichnamigen Serie, die in der Printausgabe von F+P Fliesen und Platten erscheint.
