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„Die Auswirkungen der Krise werden uns noch eine Zeit lang begleiten“: Interview mit der HWK Stuttgart

Auftragslage, Zukunftsplanung, Nachwuchskräfte – das beschäftigt die Betriebe in der Corona-Krise. Wir haben darüber mit Thomas Hoefling, dem Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart gesprochen. Er berichtet unter anderem, zu welchem Punkt sich Betriebe jetzt besonders beraten lassen sollten. (Foto: HWK Stuttgart)

Hauptgeschäftsführer der HWK Stuttgart, Thomas Hoefling  (Foto: HWK Stuttgart)
Hauptgeschäftsführer Thomas Hoefling sieht eine wichtige Aufgabe der HWK Region Stuttgart in der individuellen strategischen Beratung für jeden einzelnen Betrieb für die Zeit nach der Krise. (Foto: HWK Stuttgart)

Wie sind Ihre Erfahrungen in der aktuellen Beratung von Betrieben? Haben Sie den Eindruck, dass sich die Situation im Bauhauptgewerbe verschlechtert, stabilisiert oder entspannt?

Bislang wurden noch zahlreiche Altbestände an Aufträgen abgearbeitet. In den aktuellen Gesprächen mit Unternehmern erfahren wir aber, dass der Auftragseingang im letzten Monat deutlich rückläufig war, damit wird sich auch die Betriebsauslastung reduzieren.

Welche Betriebe haben aktuell Schwierigkeiten und bei welchen läuft der Betrieb fast wie gewohnt weiter?

Die Situation im Bauhauptgewerbe ist durchwachsen. Manche Betriebe können noch Aufträge abarbeiten, andere stehen großen Umsatzverlusten gegenüber. Teilweise wurden große Baustellen geschlossen, da die Abstandsregel nicht eingehalten werden konnte. Private Kunden sind verunsichert und trauen sich teilweise nicht, den Handwerker zu holen. Schon vereinbarte Termine werden aus Angst vor Ansteckung abgesagt.

Wie hoch ist denn der Anteil der bewilligten Anträge der Fliesenlegebetriebe auf Unterstützungsleistungen und wie lange dauert es bis zur Bewilligung?

Der Anteil der von den Fliesen-, Platten- und Mosaiklegern eingereichten Anträge beträgt rund drei Prozent, Stand 17.04. wurden für den Kammerbezirk Region Stuttgart Anträge mit einem Volumen von über zwei Millionen Euro Soforthilfe für die Fliesen-, Platten- und Mosaikleger mit positivem Votum an die L-Bank weitergegeben. Die Begutachtung der Anträge zur Soforthilfe in der Handwerkskammer erfolgt tagesaktuell. Wenn der Antrag sorgfältig ausgefüllt ist und ohne Rückfragen zur positiven Bewilligung weitergegeben werden kann, erfolgt auch die Auszahlung der Beträge durch die L-Bank innerhalb kürzester Zeit.

Unsere Umfrage zeigt auch einen zunehmend verhaltenen Blick in die Zukunft – immer mehr Betriebe sagen, dass die Folgen der Corona-Krise sie weit über 2020 hinaus beschäftigen werden. Die derzeit recht stabile Auftragslage kann sich schnell ändern, wenn bestehende Aufträge abgearbeitet sind und beispielsweise bei privaten Auftraggebern das Geld nicht mehr „so locker“ sitzt, wie es der Fachverband Fliesen und Naturstein in seinem aktuellen Statement formuliert. Was raten Sie Fliesenlegebetrieben, denen es aktuell noch gut geht?

Die Auswirkungen der Krise werden uns noch eine Zeit lang begleiten. Im Angebot der Betriebsberatung haben wir uns darauf vorbereitet und bieten bereits jetzt zielgerichtet entsprechende Online-Seminar- und Beratungsleistungen kostenfrei an:

Am 25.05.2020 von 13 bis 14 Uhr: Notfallkoffer in Coronazeiten: Entwickeln Sie einen Plan B für Ihren Betrieb

Am 28.05.2020 von 11-12 Uhr: Sicherung der Ausbildung in Zeiten von Corona

Am 9. Juni 2020 von 11:00 bis 12:00: Führen und kommunizieren mit Mitarbeitern in Krisenzeiten

Am 14.7.2020 von 11 bis 12 Uhr: Corona-Krise: So machen Sie zukünftig Ihr Handwerksunternehmen krisenfest!

Auch die Berater der Organisationen werden nach wie vor gut gefordert sein. Wichtig ist jetzt, für die Zeit nach der Krise strategische Ansätze für jeden einzelnen Betrieb zu finden. Außerdem wird in dem Zusammenhang das Thema Soloselbstständigkeit zu diskutieren sein.

Im Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerhandwerk gaben in den letzten drei Wochen zwischen zwei und fünf Prozent der Teilnehmer unserer Umfrage an, dass sie derzeit ihre Auszubildenden nicht ausbilden können oder aber geplante Ausbildungsstellen nicht besetzen werden. Denken Sie, dass diese Zahl ansteigen wird? Was bedeutet das langfristig für das Gewerk, das gerade erst die Meisterpflicht zurückbekommen hat?

Handwerksbetriebe sind generell bemüht, ihren Nachwuchs zu halten, auch in schwierigen Zeiten. Gerade im Hinblick auf die Übernahme von Betrieben liegt der Schlüssel darin, den eigenen Nachwuchs auszubilden und zu qualifizieren. Die neue Meisterpflicht bei den Fliesenlegern hat die Anforderungen zur Gründung oder Übernahme eines Betriebs erhöht und dient damit vor allem der Qualität und dem Verbraucherschutz. Um das zu gewährleisten, ist eine gute Ausbildung unabdingbar.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung.


06.05.2020